Ärzte Zeitung, 04.07.2016

"Cyberchondrie"

Wenn das Internet Gesunde zu "Kranken" macht

Patienten mit einer sogenannten Gesundheitsangststörung grübeln und grübeln: Gerne googeln sie ihre harmlosen Symptome und finden schlimme Krankheiten. Wie ihnen zu helfen ist, haben britische Forscher herausgefunden.

Von Peter Leiner

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Durch das Internet verstärkt: Immer öfter leiden Menschen unter eingebildeten Krankheiten. Die Recherche per WWW verschlimmert diese Gesundheitsstörung.

© Kalim - Fotolia

LONDON. Ärzte müssen zunehmend damit rechnen, dass Patienten unter Gesundheitsangststörungen leiden. Patienten mit Gesundheitsangststörungen wünschen sich sehnlichst, dass sie sich über eine eingebildete Krankheit keine Sorgen mehr machen müssen.

Typisch ist das permanente Grübeln über eine mögliche Erkrankung, das die Patienten nicht mehr loslässt, berichten Ärzte um Professor Peter Tyrer vom Zentrum für seelische Gesundheit am Imperial College in London (BMJ 2016; 353: i2250).

Gesundheitsangststörung

- Krankheitsbezeichnung in Anlehnung an eine somatoforme Störung. Sie wird im ICD-10-System als hypochondriale Störung und in der DSM-IV-Klassifikation von psychischen Störungen als Hypochondrie bezeichnet.

- In der DSM-5-Klassifikation wird die Störung nun auch als Krankheitsangststörung bezeichnet. Hier fehlt aber nach Ansicht von Professor Peter Tyrer aus London eine Schlüsselkomponente: Das permanente Grübeln über eine mögliche Krankheit, das die Patienten nicht mehr loslässt.

Tyrer und seine Kollegen haben mehrere Studien analysiert, in denen geprüft wurde, wie häufig solche Gesundheitsangststörungen sind. Eine australische Studie aus dem Jahr 2007 zum Beispiel habe in einer Umfrage in der Bevölkerung aufgedeckt, dass dort der Anteil der Patienten mit Gesundheitsangststörungen bei 3,4 Prozent lag.

In der Grafschaft Nottinghamshire in Mittelengland dagegen wurde bereits ein Jahr zuvor eine Untersuchung zu Gesundheitsangststörungen bei Patienten gemacht, die in kardiologischen, pneumologischen, gastroenterologischen und endokrinologischen Kliniken versorgt wurden.

Mit 12 Prozent lag die Rate von Patienten mit Gesundheitsangst dort deutlich höher als in Australien. Die Rate stieg sogar innerhalb von vier Jahren auf 20 Prozent.

"Pathologisierung unserer Gesellschaft"

Die Wissenschaftler sehen eine "Pathologisierung unserer Gesellschaft" als mögliche Ursache dieser Entwicklung. Die Vorstellungen der Patienten werden durch intensive Suchen im Internet bestärkt. Hierfür wird inzwischen die Bezeichnung "Cyberchondrie" verwendet. Betroffene steigern durch Recherchen im Zusammenhang mit eigenen Symptomen unbegründet ihre Angst, tatsächlich erkrankt zu sein.

Das Internet ist für viele Menschen nützlich, die nach den möglichen Ursachen für ihre eigenen Symptome suchen. Für Patienten mit einer Gesundheitsangststörung können solche Internet-Recherchen aber bedrohlich werden, betonen die Wissenschaftler.

Es helfe dann zum Beispiel nichts, Betroffenen zu sagen, dass eine eingebildete Erkrankung extrem selten ist. Die Patienten halten es vielmehr für sehr wahrscheinlich, dass genau sie es sind, die genau die Krankheit haben.

Mehrere Therapiemöglichkeiten

Für Patienten mit Gesundheitsangststörungen gibt es mehrere Therapieoptionen. Sie reichen laut Tyrer und Kollegen von der traditionellen Verhaltenstherapie über die gruppenbasierte Achtsamkeitstherapie bis zur Akzeptanz- und Commitmenttherapie. Vorteil dieser Strategien sei, dass der Therapieerfolg lange anhalte.

Nach Ansicht der Wissenschaftler sollten Ärzte sensibel für dieses Krankheitsbild bei ihren Patienten sein. Meist sei die Diagnose einfach zu stellen. Sie werde von vielen Patienten auch umgehend akzeptiert.

Voraussetzung sei allerdings, dass eine solche Diagnose "respektvoll erläutert wird". Betroffene sollten mithilfe der verfügbaren Therapieoptionen versorgt werden.

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