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Wach trotz Narkose - Erlebtes macht oft psychische Probleme

Immer wieder geistern Schreckensmeldungen durch die Medien, in denen Patienten Wachphasen während Operationen schildern. Die Betroffenen beschreiben Schmerzen, Sägegeräusche und Panikzustände, ohne sich bemerkbar machen zu können. Ein unrealistisches Horrorszenario oder Realität?

Von Birgit Ahlheim Veröffentlicht:

Bei etwa ein oder zwei von 1000 Vollnarkosen muß in der Tat auch heute noch mit intraoperativen Wachheitszuständen gerechnet werden, erklärt Professor Dirk Schwender vom Städtischen Krankenhaus in Friedrichshafen im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Eine der jüngsten Großstudien aus Schweden mit 11 785 Patienten ergab eine Häufigkeit postoperativer Erinnerung von 0,2 Prozent. Mehrere andere neue Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Ein Teil der Betroffenen verarbeitet dabei intraoperative Wachheit nur schlecht und entwickelt posttraumatische Streßsymptome, wie Schwender in eigenen Untersuchungen an der Universitätsklinik München belegen konnte. Seine Arbeitsgruppe hatte per Zeitungsannoncen oder Zuweisung durch Kollegen 45 Patienten angeworben, die Wachheit während der Narkose erlebt hatten.

Die meisten von ihnen berichteten über Gefühle von Lähmung, Muskelschwäche, zum Teil auch über Schmerzen oder negative Kommentare über ihre Erkrankung oder Person. Knapp die Hälfte der Patienten hatte Spätsymptome in Form von Schlafstörungen, Alpträumen, plötzlichem Wiedererleben der Situation oder Ängstlichkeit.

Besonders problematisch scheinen die Wachheitserlebnisse zu sein, in denen die Patienten Schmerzen erlitten. Dies zeigt eine Studie an 26 Patienten mit bewußt erinnerten intraoperativen Wachzuständen. Knapp 40 Prozent der Operierten gaben an, Schmerzen gehabt zu haben. Über zwei Drittel dieser Patienten litten an Spätfolgen im Sinne eines posttraumatischen Streßsyndroms. Die meisten dieser Patienten mit psychischen Folgen hatten Schmerzen wahrgenommen.

Problematisch bei dem sogenannten Awareness-Phänomen ist vor allem, daß möglicherweise im Unterbewußtsein weitaus mehr an intraoperativen Abläufen und Gesprächen aufgenommen als zunächst erinnert wird, wie Schwender erläuterte.

So berichtete bereits in den 60er Jahren der US-amerikanische Gynäkologe Dr. David Cheek über Patienten, die sich postoperativ nur verzögert erholten. Auf Nachfrage hatten sie keinerlei Erinnerung an die Operation. Unter Hypnose dagegen konnten sie negative Bemerkungen über ihren Krankheitszustand während der Operation rekapitulieren.

Positiv zu verbuchen ist - so Schwender - daß die Häufigkeit intraoperativer Wachzustände im Vergleich zu den 60er bis 80er Jahren um etwa 80 Prozent zurückgegangen ist. Vor allem in den alten Studien der 80er Jahre waren Wachheitsepisoden von 1 bis 4 auf 100 Narkosen beschrieben worden.

Gründe für diesen günstigen Trend sind nach Angaben von Schwender zum einen, daß Wachheit als relevantes Problem erkannt wurde und die Anästhesisten umsichtiger damit umgehen als früher. Zum anderen werden die modernen Narkosen sorgfältiger und zum Teil mit anderen Medikamenten gemacht.

So wurden die Narkosen in den Studien mit hoher Awareness-Inzidenz schwerpunktmäßig mit Lachgas unterhalten. Durch die heute üblichen modernen Gasnarkosen oder Total-Intravenösen-Narkoseregimen konnte das Problem zwar nicht völlig beseitigt, aber doch erheblich reduziert werden.

Einen weiteren Rückgang an Wachheitsepisoden erwartet Schwender künftig von modernen Überwachungsmöglichkeiten wie den "verarbeiteten EEG-Ableitungen". Dabei werden die Veränderungen spontaner hirnelektrischer Aktivitäten unter Narkose in Parameter umgesetzt, die über die Narkosetiefe eine Aussage zulassen sollen. Meldungen aus den USA, nach denen Monitore mit diesem "Bispektralen Index" die Wachheitsepisoden um 80 Prozent senken, sind hierzulande jedoch noch umstritten.

Auch vielversprechende Methoden zur Erfassung der Narkosetiefe über akustisch evozierte EEG-Potentiale seien derzeit - aus Kostengründen - nicht für Standardnarkosen einsetzbar, so Schwender.

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