Ärzte Zeitung, 23.01.2004

Intensive Suche nach neuen Mitteln gegen Krankheiten des ZNS

Wie lassen sich Über- oder Unteraktivitäten von Nervenbotenstoffen wieder ins Lot bringen? / Stiftungsprofessur für Chemie-Informatik

FRANKFURT AM MAIN (nsi). Medikamente, die pathologische Ungleichgewichte in der Aktivität von Nervenbotenstoffen ausgleichen sollen, werden in der Praxis sehr häufig verwendet, etwa Anti-Parkinson-Mittel und Antidepressiva. Die meisten Pharmaka zur Therapie bei ZNS-Erkrankungen sind jedoch noch nicht effektiv oder noch nicht spezifisch genug.

Nach Angaben von Professor Gisbert Schneider, Stiftungsprofessor für Chemie-Informatik an der Universität von Frankfurt am Main, wird derzeit intensiv nach neuen Substanzen zur Therapie bei ZNS-Erkrankungen gesucht.

Ein Forschungs-Schwerpunkt seien die G-Protein-gekoppelten Rezeptoren, eine große Familie von Eiweißen, an die sich Neurotransmitter wie Dopamin oder Glutamat binden. Dies berichtete Schneider bei einem Forschungs-Symposium des pharmazeutischen Unternehmens Merz in Frankfurt am Main.

Glutaminsäure ist ein erregender Nervenbotenstoff. Welche räumliche Struktur Rezeptoren haben, wenn sie vorbereitet sind für die Bindung durch Glutamat oder wenn sie - mit dem Liganden im Schlepptau - ein Signal von außen in das Innere der Zelle weiterleiten, untersucht die Professorin Gabriele Constantino von der Universität von Perugia in Italien. Diese Studien sind die Voraussetzung, um gezielt nach neuen Wirkstoffen suchen zu können. Constantino ist im Wintersemester 2003/2004 Merz-Stiftungsgastprofessor in Frankfurt am Main.

Eine zweite Stiftungsgastprofessur für dieses Forschungsgebiet finanziert das Frankfurter Unternehmen Professor Roberto Pelliciari vom selben Institut.

Die beiden Wissenschaftler beschäftigen sich speziell mit den metabotropen Glutamat-Rezeptoren: Anders als ionotrope wie der NMDA-Rezeptor bilden die metabotropen Glutamat-Rezeptoren keinen Ionenkanal, sondern vermitteln nur ihre Signale über Second-messenger-Systeme ins Zellinnere.

Die verschiedenen Gruppen von metabotropen Glutamat-Rezeptoren unterscheiden sich in ihrer Verteilung auf die Regionen im Gehirn und auch in ihrer Lokalisierung auf der Nervenzelle: peripher oder eher im Zentrum, prä- oder postsynaptisch.

"Die metabotropen Glutamat-Rezeptoren haben eine wichtige Funktion, um die Aktivität von Transmittern zu modulieren", erläuterte Dr. Chris G. Parsons aus der Abteilung für präklinische Forschung und Entwicklung bei dem Unternehmen.

Rezeptoren in der Peripherie einer Synapse zum Beispiel seien eher langsame Signalübermittler. Andere metabotrope Glutamat-Rezeptoren heizen die Signalübertragung an oder verstärken die Aktivität exzitatorischer Transmitter auf indirektem Weg.

Bei der Behandlung von Patienten mit Krankheiten wie Depressionen, Ängsten, Demenzen oder Schmerzzuständen könne es sinnvoll sein, die erregenden Neurotransmittersysteme mit neuen Medikamenten zu hemmen, bei Schizophrenien sie eher zu aktivieren. Einige Kandidaten für solche Medikamente haben die Arbeiten von Constantino und Pelliciari bereits geliefert.

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