Ärzte Zeitung, 24.02.2004

Steine für böse Erfahrungen und Blumen für die guten

Die Hilfsorganisation Victim‘s Voice mit Sitz in Konstanz betreut traumatisierte Opfer von Krieg und Folter

Verena Ertl, Mitarbeiterin der Organisation Victim’s Voice aus Konstanz, schult Laien-Therapeuten im Nakivale Flüchtlingslager in Uganda. Foto: dpa

Die 24jährige Silvia aus dem Sudan hat Grauenhaftes erlebt. Erst überfielen Regierungstruppen, dann Rebellen ihr Dorf. Das Schlimmste passierte ihr jedoch auf der Flucht. Ihr kleines Kind, das sie auf dem Rücken trug, wurde erschossen. Sie hatte nicht schnell genug laufen können.

Zuflucht fand sie schließlich im Flüchtlingslager Mvepi in Nord-Uganda. Wie viele Opfer von Krieg, Vertreibung und Folter litt auch Silvia an Posttraumatischer Belastungsstörung. Therapeuten der Nicht-Regierungsorganisation Victim’s Voice (Stimme des Opfers/Vivo) mit Sitz in Konstanz haben ihr geholfen, mit dem Schock besser fertig zu werden.

Dem internationalen Netzwerk gehören Psychologen, Neurologen und Menschenrechts-Experten an. Erstmals waren 1999 Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Psychotraumatologie der Universität Konstanz in Mvepi um Unterstützung für die große Zahl traumatisierter Flüchtlinge gebeten worden. "Das war der Startschuß von Vivo", berichtet Frank Neuner (32), Präsident von Vivo-Deutschland und Diplom-Psychologe. Das Team entwickelte eine neue Gesprächstherapie, um den oft jahrelang Traumatisierten zu helfen, die grausamen Ereignisse in Worte fassen.

Das ist mitunter ein schwieriges Unterfangen, weil die Opfer hin- und hergerissen sind. "Die Menschen wollen nicht reden, weil sie glauben, daß die anderen sie nicht verstehen, und weil es schmerzhaft ist", sagt Neuner. Gleichzeitig haben sie ein großes Bedürfnis, sich mitzuteilen.

Denn die psychischen Schäden können dramatisch sein. Die Opfer erleben die Todesangst immer wieder in Alpträumen, die Schreckensbilder kommen auch tagsüber wieder. Sie leiden unter Angstzuständen, Konzentrationsstörungen bis hin zur völligen Handlungsunfähigkeit.

Um überhaupt einen Zugang zu den oft wie versteinert wirkenden Menschen zu finden, können Zeichnen oder Symbol-Spiele der erste Schritt sein. Besonders bei Kindern hat sich die "Lebenslinie" bewährt, berichtet die ugandische Psychologin Patience Onyut (33). Entlang eines Seils, das für das Leben der Patienten steht, werden Steine für böse und Blumen für gute Erfahrungen gelegt.

Dennoch ist nach Neuners Ansicht Erzählen das Wichtigste. "Ich muß Worte für die schrecklichen Bilder haben", sagt er. Alle Lebensberichte werden dokumentiert und schwarz auf weiß den Patienten übergeben. "Das ist ein großer Anreiz für eine Therapie, selbst wenn sie gar nicht lesen können", so Neuner. Das Dokument zeige ihnen, daß man sie ernst nimmt.

Bei traumatisierten Opfern in Lagern sind jedoch westliche Therapieformen, die sich über Monate hinziehen, nicht geeignet. Deshalb wurden für die viel kürzere Narrative Expositionstherapie Laien-Therapeuten eingesetzt. Sie helfen den Patienten, in vier bis sechs Erzähl-Sitzungen die verdrängten Schrecken zur Sprache zu bringen.

Erste Erfolge seien sichtbar, berichtet Neuner. Eine Überprüfung ein Jahr nach dem ersten Projekt in Nord-Uganda habe ergeben, daß die Behandelten wieder Boden unter den Füßen hätten. Die Sudanesin Silvia, zuvor völlig apathisch, habe wieder angefangen, als Näherin zu arbeiten.

Dem Konstanzer Psychologenteam kommt es in erster Linie darauf an, Grundlagen- und Anwendungsforschung zu verknüpfen. "Wir wollen Brücken bauen zwischen Forschung und Feldarbeit", sagt Neuner. Nicht nur im Ausland, auch in Konstanz sind die Experten praktisch tätig.

Sie haben zusammen mit Vivo eine Ambulanz für traumatisierte Flüchtlinge gegründet, die Behandlung anbietet und die Leiden der Opfer zugleich wissenschaftlich untersucht.

Weitere Informationen im Internet unter www.vivo.org und unter www.clinical-psychology.uni-konstanz.de

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