Ärzte Zeitung, 01.04.2004

HINTERGRUND

Vom Drang zu stehlen - drei von vier Kleptomanen sind Frauen

Von Pete Smith

Fiel wiederholt durch Ladendiebstähle auf: die US-Schauspielerin und Multimillionärin Winona Ryder. Foto: dpa

Es ist wie ein innerer Zwang: Immer wieder bestiehlt Marnie ihre Arbeitgeber. Erst als sich ihr neuer Chef in sie verliebt und ihrer Kleptomanie auf den Grund geht, wird die Ursache dafür sichtbar: ein schockierendes Erlebnis in ihrer Kindheit...

Alfred Hitchcocks berühmter Film "Marnie" (1964) ist eine der bedeutendsten künstlerischen Studien zur Kleptomanie und hat das Bild über diese Störung Jahrzehnte lang mit geprägt. Ausgerechnet eine Schauspielerin, der US-Star Winona Ryder, hat das Thema in jüngerer Vergangenheit ins öffentliche Bewußtsein geholt.

Das gewaltige mediale Echo auf ihre wiederholten Ladendiebstähle ließ vermuten, daß Kleptomanie eine verbreitete Störung ist. Dabei ist sie viel seltener als angenommen, wie neue Forschungen aufzeigen.

Während der Tat sind die Delinquenten oft stark erregt

Dr. Burkhard E. Jabs und Dr. Bruno Pfuhlmann von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Würzburg haben die klinischen und forensischen Aspekte der Kleptomanie jetzt aufgearbeitet und dabei verschiedene Erklärungsmodelle zur Pathogenese kleptomanischen Verhaltens dargestellt ("Fortschr Neurol Psychiat" 72, 2004, 21).

"Die Kleptomanie ist durch einen intensiven Drang zum Stehlen gekennzeichnet, dem trotz Einsicht in die Regelwidrigkeit der Tat nicht widerstanden werden kann", definieren die Mediziner. Während der Tat empfinden die Delinquenten oft starke Erregung, danach tritt ein Gefühl von Entspannung ein, das von Schuldgefühl begleitet werden kann.

Diebesgut wird gehortet, verschenkt oder weggeworfen

Bei der Kleptomanie geht es nicht um Bereicherung. Das Diebesgut wird meist gehortet, oft auch verschenkt oder weggeworfen. Weder Planung noch Komplizenschaft gehören zum Symptombild. "Die Handlungen werden von den Betroffenen selbst als regelwidrig oder sinnlos beurteilt, ohne daß jedoch die Ausführung unterlassen werden kann", so Jabs und Pfuhlmann.

Zwar sei ihre Prävalenz in der Gesamtbevölkerung mangels zuverlässiger Erhebungsmethoden nicht bekannt, so die Psychiater; Untersuchungen von Ladendiebstählen jedoch zeigten, daß hier bei weniger als fünf Prozent eine Kleptomanie als Ursache wahrscheinlich ist.

Frauen sind mit 70 bis 77 Prozent überrepräsentiert, wobei Kleptomanie in der Hälfte der Fälle schon vor dem 20. Lebensjahr beginnt. Ladendiebstahl gilt im übrigen auch unter Kriminalisten als typisches Delikt von Frauen. Bei keinem anderen Vergehen ist die Frauenquote so hoch, wie die Statistik des Bundeskriminalamts aufzeigt.

Die hohe Frauenquote bei Kleptomanie bestätigt auch Dr. Steffen Fliegel von der Gesellschaft für klinische Psychologie und Beratung in Münster. Seine Erklärung: Betroffene versuchten, eine bestimmte Sehnsucht in einem ihnen vertrauten Bereich zu stillen: "Alkoholismus und Spielsucht sind eher unter Männern verbreitet, wohingegen Frauen zu Magersucht, Bulimie und Kleptomanie neigen."

Ob die Kleptomanie wirklich eine Sucht ist oder eher eine Zwangsstörung, wird unter Psychologen und Psychiatern im übrigen kontrovers diskutiert. In der ICD-10-Klassifikation wird die Kleptomanie (Pathologisches Stehlen) in Kapitel V unter den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (Ziffer F 63.2) aufgeführt.

Jabs und Pfuhlmann haben in ihrer Übersichtsarbeit verschiedene Erklärungsmodelle zur Entstehung des kleptomanen Verhaltens zusammengetragen. Grob lassen sich diese in zwei Richtungen unterteilen: Manche Wissenschaftler stellen einen Zusammenhang mit sexuellem Erleben in den Vordergrund (etwa Stehlen als Ersatzbefriedigung oder als masochistische Neigung, bestraft werden zu wollen). Die anderen sehen eine Störung der Affekt- und Impulsregulation als entscheidend an.

Methodisch kontrollierte Therapiestudien gebe es zwar nicht, schreiben die Würzburger Mediziner. Aber in der neueren psychotherapeutischen Literatur würden zunehmen kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze verfolgt. Diese ließen sich sehr gut mit pharmakotherapeutischen Maßnahmen kombinieren, wobei oft selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) als Mittel der Wahl genannt würden.

STICHWORT

Selbsthilfegruppen

In vielen Städten gibt es inzwischen Selbsthilfegruppen von und für Kleptomanen. So hat sich etwa bei der Arbeitsgemeinschaft für psychische Gesundheit im Diakonischen Werk Augsburg e.V. eine solche Gruppe unter dem Namen INKA gebildet. Hier tauschen sich Betroffene über ein Internet-Forum untereinander aus (Kontakt über www.diakonie-augsburg.de/dwaforum01). Auch bei der Gemeinnützigen Gesellschaft für paritätische Sozialarbeit Hannover hat sich eine Selbsthilfegruppe für Kleptomanen zusammengefunden (Kontakt über www.kibis-kiss.de/pages_bf/kontakt.htm). (Smi)

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