Ärzte Zeitung, 14.04.2004

HINTERGRUND

Von einem inneren Zwang getrieben, verletzen sich Borderline-Patienten bei psychischem Druck oft selbst

Von Helmut Schneider

Aus heiterem Himmel - manchmal aus nichtigen Anlässen, manchmal ohne ersichtlichen Grund - kommt die starke, nicht mehr erträgliche Anspannung. Dann fühlen Borderline-Patienten einen inneren Zwang, sich mit Messer oder Rasierklinge schneiden, am Bügeleisen verbrennen oder auf Brückengeländern balancieren, um so den massiven Druck zu beenden.

"Diese Patienten möchten am liebsten aus der Haut fahren, ohne zu wissen, ob aus Angst, Scham, Schuld oder Ekel. Die einschießende starke Spannung ist für sie schlichtweg nicht mehr auszuhalten", beschrieb Professor Martin Bohus das Leitsymptom für Borderline-Störungen beim 1. State-of-the-Art-Symposium zu diesem Syndrom in Mannheim. Bohus ist ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Borderline-Störungen sind häufiger als Schizophrenie

Die Erkrankung, die häufig mit einer ausgeprägten depressiven Symptomatik assoziiert ist, gelte derzeit als ein zentrales Problem in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung. "Mit einer Prävalenzrate von etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung ist die Borderline-Störung immerhin häufiger als die Schizophrenie", so Bohus.

Als Ursachen nannte der Psychiater außer einer genetischen Disposition vor allem psychosoziale Belastungen, etwa bei den 35 bis 70 Prozent der Betroffenen, die als Kinder und Jugendliche sexuell mißbraucht wurden. Auch Erfahrung körperlicher Gewalt (bei etwa der Hälfte) und emotionale Vernachlässigung (bei 80 Prozent) nannte Bohus.

Außerdem legten Studienergebnisse sowohl eine Komorbidität zu posttraumatischen Belastungsstörungen als auch zum ADHD (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) nahe. "Bei mehr als der Hälfte der erwachsenen Patienten wird retrospektiv ein ADHD diagnostiziert", sagte Bohus. Das seien Kranke, die "völlig durch den Wind sind, Termine nicht einhalten, sehr schnell und unkonzentriert wirken, oft aus dem Beruf aussteigen und gar nichts mehr machen".

Bekannt ist inzwischen auch, daß fünf bis acht Prozent der 14jährigen Kinder betroffen sind. Sie fallen allerdings oft noch nicht auf. "Die Hälfte der Erwachsenen, die sich selbst verletzen, erzählen rückwirkend, daß sie das schon im Grundschulalter getan haben", berichtete Bohus. Früher haben sie sich jedoch nicht geschnitten, sondern sind in Kellerschächte gesprungen, haben sich in Ameisenhaufen gesetzt, sind durch Dornenbüsche oder vor Autos gelaufen.

Vermutlich gibt es zwei unterschiedliche Patiententypen: "Die einen schneiden sich, um ihre hohe Anspannung herunterzuregeln und sich wieder zu spüren", so Bohus, "die anderen, um sich Kicks zuzufügen." Das helfe ihnen, ihre Konzentrationsfähigkeit zu verbessern.

Wo die Störung der Emotionsregulation herkommt, scheint mittlerweile auch geklärt. Negative Gefühle hinterließen ebenso wie traumatische Ereignisse Spuren im Gehirn. Mit Magnetresonanz-Spektroskopie und Positronen-Emissions-Tomographie wurde unter anderem eine Übererregbarkeit der Amygdala, einer subkortikalen Hirnstruktur, die mit dem Furchtgedächtnis assoziiert wird, nachgewiesen. Außerdem ist das Volumen der Amygdala im Vergleich zu Gesunden reduziert.

Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer sind eine Option

Optionen der medikamentösen Therapie bei Borderline-Störungen werden derzeit intensiv erforscht. "Es gibt drei kontrollierte Studien, die klar belegen, daß SSRI auf die affektive Regulation und die depressive Symptomatik positiv wirken", berichtete Bohus. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) hätten deshalb für ihn eine zentrale Bedeutung für die Pharmakotherapie bei Borderline-Störungen, so der Psychiater auf der vom Unternehmen Pfizer unterstützten Veranstaltung. Auch eine spezielle Form der Verhaltenstherapie könne Patienten helfen, ihre Impulse zu kontrollieren.

Lange galten Patienten mit Borderline-Störung als schlecht zu therapieren. Doch nach kürzlich veröffentlichten Ergebnissen der ersten prospektiven Follow-up-Studie mit knapp 300 Betroffenen ist die Störung bei adäquater Psycho- und Pharmakotherapie nach sechs Jahren bei etwa drei Viertel der Patienten rückläufig. Nur 25 Prozent haben eine chronische Erkrankung, nur sechs Prozent werden rückfällig, so Bohus.

STICHWORT

Borderline- Störungen

Etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung haben eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Meistens sind Frauen erkrankt. Die Patienten sind sehr feinfühlig, vermehrt reizbar, aggressiv, häufig depressiv, impulsiv und geraten oft in emotionale Krisen.

Charakteristisch ist vor allem der Drang der Betroffenen zu Selbstverletzungen, die nicht verheimlicht werden, sowie zu Suiziden: Die Selbsttötungsrate beträgt bei den Patienten nach Angaben von Professor Martin Bohus aus Mannheim zwischen sieben und zehn Prozent.

80 Prozent der Erkrankten werden psychiatrisch-psychotherapeutisch behandelt, durchschnittlich 60 Tage im Jahr sogar stationär. Der Anteil von Borderline-Patienten in psychiatrischen Abteilungen beträgt etwa 15 Prozent. (hsr)

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