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Warum erkranken so viele Fußball-Profis am Gehrig-Syndrom?

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NEU-ISENBURG (Smi). Das Phänomen ist seit Jahren bekannt, doch die Ursachen liegen im Dunkeln: Fußball-Profis haben ein erhöhtes Risiko, an amyotropher Lateralsklerose (ALS) zu erkranken. Was anhand von Einzelfällen immer wieder aufgezeigt wurde, hat kürzlich eine große Studie bestätigt (wir berichteten).

Professor Adriano Chiò, Neurologe an der Universität von Turin in Italien, hatte mit vier Kollegen die Krankenakten von 7325 Fußball-Profis untersucht, die zwischen 1970 und 2001 in der ersten oder zweiten italienischen Liga gespielt haben ("Brain" 128, 2005, 472). Statistisch gesehen wäre eine Inzidenz von 0,77 ALS-Erkrankungen zu erwarten gewesen, tatsächlich identifizierte Chiò fünf Patienten.

Damit werden frühere, eher zufällige Befunde untermauert. Vor Jahren etwa begann der italienische Staatsanwalt Raffaelle Guarinello damit, den Dopingsumpf im italienischen Berufsfußball trocken zu legen. Er entdeckte, daß auffällig viele Fußball-Spieler an ALS, auch als Gehrig-Syndrom bekannt, erkrankt waren. Guarinello hat insgesamt 34 ehemalige italienische Profis identifiziert, welche die Krankheit entwickelt haben. 30 von ihnen sind inzwischen gestorben.

Eine Häufung von ALS-Erkrankungen ist auch bei US-Football-Spielern sowie bei Fußball-Profis der britischen Premier League beobachtet worden. In Deutschland war man 2001 alarmiert, als der polnische Nationalspieler und Bundesliga-Profi Krzysztof Nowak vom VFL Wolfsburg am Gehrig-Syndrom erkrankte und innerhalb kürzester Zeit an den Rollstuhl gefesselt war.

Was aber sind die Ursachen dieser mysteriösen Häufung? Staatsanwalt Guarinello vermutet einen Zusammenhang mit der Einnahme von Doping-Präparaten, Beweise für seine These hat er jedoch nicht.

In früheren Untersuchungen hat man festgestellt, daß im Sport häufig Fußballer betroffen sind, keine Radfahrer, daß bei den Kickern vor allem Verteidiger und Mittelfeldspieler, selten Stürmer erkranken. Manche Wissenschaftler halten die vielen Kopfbälle während des Spiels für die Ursache der häufigen ALS-Erkrankungen, andere die Traumata der Extremitäten. In der italienischen Studie kam heraus, daß Fußballer umso stärker gefährdet sind, je länger sie dem Sport nachgehen.

Die Londoner Psychiater Ammar Al-Chalabi und P. Nigel Leith vom King’s College schreiben in einem Kommentar zur Studie ihres Kollegen Chiò, daß durchaus Kopfverletzungen die Krankheit auslösen könnten ("Brain" 128, 2005, 451).

Aber auch Dopingpräparate und Umweltgifte, die bei der Pflege des Fußballrasens eingesetzt werden, schließen sie als Ursache nicht aus. Auch sei möglich, daß gerade ALS-anfällige Menschen Leidenschaft für Sport entwickelten: "Es könnte eine Eigenschaft in ihrer neuromuskulären Ausstattung geben, die sie nicht nur zu guten Sportlern macht, sondern auch anfällig für ALS."



STICHWORT

ALS

Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine degenerative Erkrankung motorischer Nerven mit Paresen, Muskelatrophie und Spastik. Sie tritt oft zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr auf und führt nach etwa drei Jahren zum Tode. Die Ursache ist unbekannt. Bei zehn Prozent der Patienten wird ein genetischer Hintergrund vermutet. Es gibt keine kurative Therapie. Der Glutamat-Antagonist Riluzol (Rilutek®) verzögert die Progression. (nsi)

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