Ärzte Zeitung, 14.03.2005

Jugendliche Sexualstraftäter waren früher oft selbst Opfer

Kinder- und Jugendpsychiater stellt klar: Sexualdelikte machen nur ein Prozent aller registrierten Straftaten aus

40 Prozent der jugendlichen Sexualstraftäter sind in ihrer Kindheit selbst Opfer sexueller Mißhandlung gewesen, ebenso viele haben körperliche Gewalt erlebt. Das berichtete der Kinder- und Jugendpsychiater Professor Michael Günter kürzlich auf einem Symposium in Tübingen. Die Werte lägen deutlich über denen anderer Straftäter.

Entgegen der starken Beunruhigung in der Öffentlichkeit sind Sexualdelikte eher ein Randphänomen, stellte Günter klar. Sie machen nur ein Prozent der Straftaten aus: Pro Jahr werden 5000 bis 8000 Personen deswegen verurteilt, 1000 davon sind Jugendliche, darunter 50 Mädchen - Zahlen, die in den vergangenen 15 Jahren weitgehend konstant geblieben sind.

Jugendliche sind bei allen Delikten im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerung leicht überrepräsentiert. Mehr als die Hälfte der jugendlichen Sexualstraftäter macht sich zusätzlich noch anderer Vergehen schuldig, meist Eigentums- und Gewaltdelikte.

"Diese Überschneidung läßt den Schluß zu, daß Sexualstraftaten von Jugendlichen meist Aggression, schwacher Impulskontrolle und Selbstunsicherheit entspringen, weniger einer perversen Fixierung", sagte Günter.

Bei 80 Prozent der jugendlichen Sexualstraftäter liegt eine Störung des Sozialverhaltens vor, häufig sind ferner emotionale, depressive und Angststörungen, Lernschwierigkeiten und Sonderschulbesuch, Selbstwertprobleme und Drogenmißbrauch, frühkindliche Entwicklungsverzögerung und sprachliche Retardierung. Außerdem sind sie Einzelgänger und Außenseiter: Zwei Drittel haben keine engen Freunde.

Vier charakteristische Persönlichkeitsmuster werden unterschieden: stark retardierte Täter mit schwer beeinträchtigtem Selbstwertgefühl, die sich jüngeren Kindern zuwenden; Täter ohne Halt in der Familie oder bei Altersgenossen, die bei narzißtischen Krisen, eventuell unter Alkohol, zu sexuellen Aggressionen neigen; Täter, die aus Angst vor eigenen Zärtlichkeitsbedürfnissen und eigenen Schwächen Frauen zu entwerten versuchen durch Taten von Exhibitionismus bis zur Vergewaltigung; und Täter, die durch schwerste Gewalttätigkeit ihres Vaters extrem verängstigt sind und männliche Sexualität völlig abspalten, indem sie neben einer platonischen Beziehung zu einer idealisierten Freundin ekelbesetzte wahllose Kontakte zu anderen Frauen haben. (ars)

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