Ärzte Zeitung, 09.06.2005

HINTERGRUND

Manche Prosopagnostiker erkennen nicht mal das eigene Gesicht

Blanke, helle Flächen - so beschreiben Patienten mit Prosopagnosie menschliche Gesichter. Foto: RUB

Von Katharina Schöbi

Fast jeder hat hin und wieder Schwierigkeiten, einen Menschen wie etwa die Verkäuferin im Blumenladen wiederzuerkennen. Engste Bekannte und Verwandte wie die Eltern nicht zu erkennen, ist für die meisten jedoch unvorstellbar. Für Gesichtsblinde aber ist es Alltag. Sie tun sich schwer damit, das Gesicht einer Person zuzuordnen und brauchen sehr lange, um neue Gesichter zu lernen.

Erste Berichte über Gesichtsblindheit stammen zwar schon aus der Antike, doch als Wegbereiter für die Erforschung der Störung gilt der deutsche Neurologe Joachim Bodamer. Er beschrieb 1947 ausführlich die Symptome von drei Patienten, die nach einer Hirnverletzung medizinisches Personal und zum Teil sogar ihre Verwandten nicht mehr am Gesicht erkennen konnten.

Bodamer nannte dieses Phänomen "Prosopagnosie", nach den beiden griechischen Wörtern "Prosopon", das Gesicht, und "Agnosia", das Nichterkennen. Bekannt wurde die Prosop-agnosie durch den Bestseller "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" des Neurologen und Autors Oliver Sacks.

Schwer Gesichtsblinde halten Parkuhren für Kinder

Die Schwere der Ausfallerscheinungen hängt davon ab, wie viel Nervengewebe zerstört ist. Einige Patienten können Gesichter als solche zwar identifizieren, doch sie können sich nicht an Gesichter erinnern, auch nicht an die von Verwandten und Bekannten und manchmal sogar nicht einmal an das eigene. Häuser oder Möbelstücke hingegen erkennen sie mühelos.

Auch die Mimik eines Gesichts können sie erkennen, was es ihnen oft erleichtert, ein Gesicht einem Menschen zuzuordnen. Schwer Gesichtsblinde hingegen können Einzelmerkmale wie Nase, Mund oder Augen nicht zu einem Gesamtbild zusammensetzen und haben Mühe, Gesichter hinsichtlich Alter und Geschlecht zu unterscheiden. In besonders schweren Fällen können Betroffene nicht einmal ein Gesicht als solches erkennen. So ist es schon vorgekommen, daß ein Patient auf der Straße Parkuhren mit Kindern verwechselte.

Angeborene Prosopagnosie ist häufiger als gedacht

Die erworbene Form, wie Joachim Bodamer sie beschrieben hat, ist schon lange bekannt, die angeborene Form dagegen galt noch bis vor wenigen Jahren als äußerst selten. Erst die aktuelle Forschung hat gezeigt, daß die angeborene Prosopagnosie sehr viel häufiger auftritt als die erworbene Form, aber zugleich weniger auffällt.

"Die angeborene Prosopagnosie ist eine Teilleistungsschwäche des Gehirns, vergleichbar mit einer Schreib-Lese-Schwäche", erklärt der Arzt und Prosopagnosie-Experte Dr. Thomas Grüter aus Münster. Sie ist recht einheitlich ausgeprägt. Die Betroffenen haben Probleme, ein Gesicht einer Person sicher zuzuordnen.

Sie lesen aber den Emotionsgehalt von Gesichtern ohne Schwierigkeiten, anders als zum Beispiel Autisten. Auch die Erkennung des Geschlechts am Gesicht bereitet ihnen keine Probleme. Weil sie ihr ganzes Leben lang gelernt haben, Personen an anderen Merkmalen als Gesichtern zu identifizieren, ist ihr Sozialleben wenig oder überhaupt nicht beeinträchtigt.

Die angeborene Gesichtsblindheit ist genetisch bedingt, kann also vererbt werden, weshalb in einer Familie oft mehrere Prosopagnostiker vorkommen. Das entscheidende Gen sie aber noch nicht identifiziert, sagt Grüter, dessen Frau ebenfalls die Gesichtsblindheit erforscht.

Martina Grüter von der Universität Münster stellte bei Untersuchungen für ihre Dissertation über die Erblichkeit der Prosopagnosie fest, daß die angeborene Form viel verbreiteter ist als bisher angenommen. Thomas Grüter schätzt, daß etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung unter der angeborenen Prosopagnosie leiden.

Bis vor drei Jahren gab es noch keine festen Diagnosekriterien. Darum entwickelte Martina Grüter selbst eine Diagnosemethode. "Wir haben mehr als 180 Diagnosen gestellt und können das Phänomen jetzt eindeutig identifizieren." Menschen mit angeborener Prosopagnosie haben im allgemeinen gelernt, ihre Mitmenschen an anderen Merkmalen als dem Gesicht zu erkennen.

Die Form des Haaransatzes, der Wimpern und Ohren, die Zahnstellung, die Hände, die Stimme, die Kleider oder die Gangart sind für sie Hilfsmittel, mit denen sie ihr Defizit ausgleichen. Solche Strategien sind für Gesichtsblinde sehr wichtig, denn eine Therapie gibt es nicht. "Die Patienten müssen einfach lernen, mit der Krankheit zu leben."

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