Ärzte Zeitung, 15.11.2005

Nach Schädel-Hirn-Trauma oder Schlaganfall ist Fahrtest sinnvoll

Patienten mit neurologischen Erkrankungen überschätzen häufig ihre Fahrtüchtigkeit

WIESBADEN (ars). Sollten alte Menschen oder Patienten mit neurologischen Erkrankungen regelmäßig auf ihre Fahreignung getestet werden? Offenbar ja: Teilnehmer einer Studie bewerteten die eigene Leistung im Fahrsimulator oder bei der praktischen Fahrprüfung als mindestens ausreichend. Diese Einschätzung stand in krassem Widerspruch zu der von Fahrlehrer und Psychologen, die unabhängig voneinander zwischen 20 und 30 Prozent der Patienten als fahruntauglich einstuften.

Eine Frau sitzt in einem Fahrsimulator und fährt eine virtuelle Straße lang, die sie auf dem Monitor sieht. Foto: Institut für Psychologie und Arbeitswissenschaft der TU Berlin

Darf man sich nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma wieder ans Steuer setzen? "Manche Patienten sprechen von sich aus während der Reha die Frage der Fahreignung an. Andere werden von der Straßenverkehrsbehörde zur Begutachtung hierher geschickt, weil sie auffällig geworden sind." Das berichtete Dr. Christian van der Ven vom Neurologischen Rehabilitationszentrum Godeshöhe beim Neurologenkongreß in Wiesbaden.

Erhebungen zufolge setzt sich etwa die Hälfte der Patienten nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma wieder ans Steuer, die meisten ohne Beurteilung der Fahrtüchtigkeit oder Beratung. Zuständig dafür wäre ein Facharzt mit verkehrsmedizinischer Zusatzqualifikation: Er erstellt Gutachten, wobei er sich an der Fahrerlaubnisverordnung (FeV) und den Leitlinien der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) orientiert.

    Jeder dritte getestete Patient bestand den Fahrtest nicht.
   

Es können zum Beispiel Beschränkungen für das Fahrzeug wie Umbauten oder technische Hilfsmittel notwendig sein sowie Auflagen für den Verkehrsteilnehmer, etwa daß er nur bei Tageslicht oder nur eine bestimmte Strecke fahren darf.

Zunächst appelliert der Gutachter in einem Aufklärungsgespräch an die Vorsorgepflicht und die Verantwortung des Verkehrsteilnehmers. Dann veranlaßt er verkehrspsychologische Tests sowie eine Fahrprobe in Begleitung eines Fahrlehrers und eines Psychologen auf einer Strecke mit Autobahn, Stadtgebiet und Landstraße.

Als Alternative zur Fahrprüfung auf Straßen sind Fahrsimulatoren eine Option: Die Diagnostik ist weniger aufwendig als mit einer realen Fahrt, die Geräte spielen standardisiert verschiedene kritische Situationen durch und lassen sich vor allem auch fürs Training nutzen. Der Proband, in einer Kabine mit Monitor sitzend, bewegt sich scheinbar durch wirklichkeitsgetreue Verkehrsszenen.

Ein Nebensitzer oder die Videokamera beobachtet, wie schnell er fährt, wann er bremst, welchen Abstand er zum Vordermann läßt, wie gut er die Spur hält, ob er Fahrfehler macht oder wie er unvorhersehbare Ereignisse meistert, etwa wenn ein Kind hinter einem Ball auf die Straße springt. Der Fahrsimulator kommt bei den Nutzern gut an: Spätestens beim dritten Mal haben sie sich daran gewöhnt. Nur einige spüren Übelkeit.

Daß der Fahrsimulator bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen ein recht verläßliches Diagnose-Instrument, hat van der Ven in einer Studie belegt: Das Verhalten darin stimmte bei 85 Prozent der Patienten mit der praktischen Prüfung überein. Dagegen beträgt die Übereinstimmung zwischen verkehrspsychologischen Tests und realer Fahrprobe nach älteren Daten nur 73 Prozent.

Fahrlehrer und Psychologe wiederum gelangten weitgehend zur gleichen Beurteilung: Bei einem knappen Drittel der Patienten waren sie unabhängig voneinander der Ansicht, die Prüfung, ob real oder virtuell, sei nicht bestanden. Die Probanden dagegen bewerteten allesamt die eigene Leistungen als "bestanden". "Viele Patienten überschätzen sich, da wäre Beratung ganz wichtig", so van der Ven zur "Ärzte Zeitung".

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