Ärzte Zeitung, 24.01.2006

BUCHTIP

Auch Ärzte sind Opfer von Stalking - Rache ist oft ein Motiv

Von Nicola Siegmund-Schultze

Mark David Chapman - der Name des Mörders von John Lennon ging zum 25. Todestag des Ex-Beatles im Dezember 2005 wieder durch die Medien. Schon Jahre vor dem Attentat hatte Chapman versucht, sein damals großes Vorbild Lennon zu imitieren, sogar im Privatbereich. Bis sich seine Verehrung nach der Lektüre eines kritischen Buches über den Musiker in Haß verwandelte. Da begann er ihm nachzustellen, monatelang - bis im Dezember 1980 die tödlichen Schüsse in New York fielen.

Dieses Nachstellen wurde vor 25 Jahren noch nicht allgemein als Stalking bezeichnet. Das Beispiel von Lennon zeigt jedoch, daß Stalking keine neue Erscheinung ist. Der Begriff stammt vom englischen Verb to stalk - heranpirschen. Stalking ist eine über längere Zeit dauernde Verfolgung, Belästigung oder Bedrohung, von der Frauen drei bis vier Mal häufiger betroffen sind als Männer. Etwa drei Viertel der Täter sind männlich. Stalking nimmt tendenziell zu.

Die Gründe vermutet der Psychologe Dr. Jens Hoffmann von der TU Darmstadt in der verstärkten Auflösung traditioneller sozialer Strukturen, in neuen Fortbewegungs- und Kommunikationsmöglichkeiten wie SMS und E-Mail, aber auch im häufigeren Auseinanderbrechen von Beziehungen sowie im Wandel der gesellschaftlichen Werte. Auch die Vorstellung, Bedürfnisse müssen möglichst rasch und umfassend befriedigt werden sowie ein zunehmender Medien- und Starkult könnten Ursachen für diese Entwicklung sein.

Jedes zweite Stalkingopfer wird vom Ex-Partner bedroht

In einer Umfrage bei etwa 700 Bundesbürgern gaben knapp 13 Prozent an, Opfer von mindestens zwei Wochen dauernden, Angst-einflößenden Belästigungen gewesen zu sein. Prominenz birgt zwar das höchste Risiko: Zwei von drei Prominenten fühlen sich von Menschen, die ihnen ungebeten auf den Fersen bleiben, erheblich belastet.

Meist aber haben Stalker zu ihren Opfern eine persönliche Beziehung, wie eine weitere deutsche Untersuchung bei 551 Opfern ergeben hat: Knapp die Hälfte wurde von Ex-Partnern belästigt. Die übrigen Stalker waren Bekannte, Arbeitskollegen oder Nachbarn, nur jeder Zehnte ein Fremder. Ärzte und Psychotherapeuten gehören - wie andere in helfenden Berufen tätige Menschen - zu den stärker gefährdeten Berufsgruppen.

Menschen in diesen Berufen gelten als offen, hilfsbereit, freundlich und haben ein gewisses Sozialprestige: Merkmale, die anziehend seien für Stalker und ihnen die Phantasie erleichterten, eine enge, persönliche Bindung zum Opfern aufbauen zu können, so Hoffmann.

Aber häufig treibe die Stalker von Ärzten und Psychotherapeuten auch Wut und Rache an, etwa dann, wenn sie sich emotional zurückgewiesen fühlten, eine falsche Diagnose vermuteten oder eine Behandlung nicht das gewünschte Resultat gebracht habe. Eine deutsche Umfrage aus dem Jahr 2004 ergab: Jedes fünfte Opfer ist im Bereich Medizin, Pflege, Soziales oder Erziehung und Bildung tätig.

Darunter war auch eine Hausärztin, die bei der Routine-Untersuchung einer jungen Frau einen Tumor feststellte. Sie konnte den Befund jedoch nicht mitteilen, da die Patientin nicht wie vereinbart wieder in die Sprechstunde kam. Sie war in eine andere Stadt gezogen, und die Ärztin fand trotz intensiver Bemühungen die neue Adresse nicht heraus.

Als die Patientin einige Zeit später am neuen Wohnort einen Arzt aufsuchte, war der Krebs bereits fortgeschritten und sie starb daran. Der Witwer klagte. Als er in allen Instanzen verloren hatte, begann er eine Stalkingkampagne mit Drohungen, Sachbeschädigung und Rufmord. Der Psychoterror dauerte zwei Jahre, bis sich der Mann auf Gerichtsbeschluß einer Therapie unterzog.

Hoffmanns Buch ist eines der wenigen wissenschaftlichen und gut lesbaren Übersichtswerke, das in deutscher Sprache über Stalking erschienen ist. Der Autor diskutiert die aktuellen Thesen zu psychologischen Hintergründen von Stalking, zum Umgang mit Tätern und mit Opfern, aber auch Theorien über die verschiedenen Täter-Typologien.

Ähnlich wie beim Profiling in der Kriminalistik untersuchen Wissenschaftler, ob sich den verschiedenen Stalker-Typen charakteristische Verhaltensweisen zuordnen lassen. So üben zum Beispiel solche Stalker häufiger körperliche Gewalt aus, die in ihren Bemühungen um eine persönliche Bindung zum Opfer zurückgewiesen wurden oder die ihren Opfern mit sexuellen Motiven auflauern wie ein Jäger dem Wild (Jagd-Stalker).

Durch Wut und Ärger getriebene Stalker fallen ebenso wie der Typus des zurückgewiesenen Stalkers häufig durch Sachbeschädigung und Vorstrafen auf.

Weil Mediziner, Psychologen und verwandte Berufsgruppen häufiger Opfer von Stalking werden, plädieren Experten dafür, den Umgang mit Stalkern in die Ausbildung aufzunehmen mit den Schwerpunkten Prävention und Fallmanagement. Schutzfaktoren könnten die Geheimhaltung der Privatadresse und der sensible Umgang mit Informationen zur eigenen Person am Arbeitsplatz sein.

Weitere Informationen im Internet unter www.stalkingforschung.de sowie unter www.zi-mannheim.de
Jens Hoffmann: Stalking. Springer Verlag, Heidelberg 2006, ISBN 10 3-540-25457-9; 29,95 Euro

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