Ärzte Zeitung, 17.07.2006

"Bis die Frauen wieder anfangen, Essen zu kochen, ist es ein langer Weg"

Im Bremer Zentrum Refugio finden jene Migranten medizinische Hilfe, die in ihren Heimatländern Folter erlitten haben

Von Christian Beneker

In Deutschland leben viele Migranten, die in ihren Heimatländern Folter erlitten haben. Medizinische Hilfe finden sie im Bremer Zentrum Refugio. Die Einrichtung hat sich zum Ziel gesetzt, als psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge und Folterüberlebende den Betroffenen beratend und therapeutisch zur Seite zu stehen und ihnen den Weg in das bestehende Gesundheitssystem zu erleichtern.

Ein Mann hat seine Hände gefaltet. Oft ist es schwer, an Opfer von Folter heranzukommen. Fotos: Refugio

Eine Frau blickt ins Wasser. Viele Folteropfer leiden jahrelang unter den Folgen ihres Martyriums.

"Wir wollen die Ausgrenzung beenden", sagt Ingrid Koop von Refugio, "dazu sind wir bei unserer Arbeit angewiesen auf die Zuweisung und Kooperation vor allem der Hausärzte und Psychotherapeuten".

Drang nach Freiheit: Diese Bild eines Folteropfers entstand während einer Kunsttherapie.

Türkei, Kosovo, Serbien-Montenegro - auch in Europa wird gefoltert. Jährlich tausende Menschen fliehen deshalb nach Deutschland. Zwar gibt es hierzulande ein ganzes Netzwerk von Beratungsstellen für die Flüchtlinge, aber nur 20 sind Einrichtungen wie Refugio. Das Zentrum kooperiert mit zwei anderen: Xenion in Berlin und Refugio München.

In Bremen fanden im Jahr 2004 fast 260 Menschen Hilfe - durch Kunst- und Psychotherapie, Bewegungsgruppen und soziale Beratung. Insgesamt acht Männer und Frauen arbeiten im Bremer Refugio. Dazu kommen auf Stundenbasis Dolmetscher, Berater oder Kunst- und Körpertherapeuten. Mit im Boot sitzen auch 20 Bremer Ärzte und Therapeuten, die ehrenamtlich Therapiestunden anbieten, um die Folteropfer zu behandeln.

Schnitt-, Stich-, oder Schußverletzungen der Patienten, Knochenbrüche oder manifeste Wirbelsäulenverletzungen seien mit herkömmlicher Physiotherapie noch gut zu behandeln, berichtet Koop. "Schwierig wird es bei den starken seelischen Störungen, die Folteropfer entwickeln." Sie sind in einem schwer zu erkennenden Krankheitsbild zusammengefaßt: der posttraumatischen Belastungsstörung.

"Früher wußten wir nichts über die Folgen von Folter. Heute gehört es zum best practice, daß man über die Belastungsstörung Bescheid weiß", so Koop. Die Erkrankung ist seit 1990 im ICD 10 aufgeführt: Unruhe, Schlaflosigkeit, Muskelverhärtung im ganzen Körper, Reizbarkeit und Wutausbrüche, Glieder- und Herzschmerzen.

Die meisten Klienten kommen aus Kurdistan, Tschetschenien und Bosnien-Herzegowina, besagt der Jahresbericht der Einrichtung. Zum Teil zwei Jahre und länger werden die Folteropfer von Refugio betreut. "Bis die Frauen wieder anfangen, Essen zu kochen, oder Klienten sich wieder trauen, Straßenbahn zu fahren, ist es ein langer Weg", sagt Koop, "tatsächliche Heilung dauert oft länger."

Um Hausärzte und Psychotherapeuten der Regelversorgung für die Folgen von Folterungen zu sensibilisieren, bieten die Mitarbeiter von Refugio in Bremen Fortbildungsveranstaltungen für Psychotherapeuten an, laden Klinikmitarbeiter ein oder organisieren Einzelveranstaltungen, berichtet Koop. Überhaupt bestehe reger Kontakt zu den zuweisenden Ärzten. Das Konzept geht auf. Refugio hat konstant mehr Anfragen, als Mitarbeiter bedienen können.

Allerdings gelte es, mit der Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung vorsichtig zu sein. Selbst, wenn ein Mensch gefoltert oder vergewaltigt wurde, bedeutet das noch nicht zwangsläufig den Ausbruch der Krankheit. "Studien des Psychiaters Hans Keilson haben gezeigt, daß die Zeit nach der Foltererfahrung darüber entscheidet, ob ein Trauma entsteht oder nicht", so Koop. "Wenn das Opfer nachher keine Geborgenheit erfährt, bricht die Traumatisierung leichter aus."

Wenn das Gastland die Opfer nicht konsequent mit dem Bleiberecht schütze, entstünden leicht Traumata, und der Rückkehrwille der Migranten schwinde zusehends. Koop: "Viele der Probleme mit Migranten in Deutschland sind hausgemacht."

Finanziert wird die Arbeit von Refugio unter anderem durch Zuwendungen vom Bremer Senat, der evangelischen Kirche, dem UN-Sonderfonds zur Unterstützung von Folteropfern und der Europäischen Kommission. "Wir wollen nicht, daß unsere Arbeit zur Kassenleistung wird", sagt Koop, "dann würden Menschen, die schon durch das GKV-System gefallen sind, nicht mehr zu uns kommen. Und das sind viele." Wenn aber ein Klient schon versichert ist und er deutsch oder englisch spricht, versuchen die Refugio-Mitarbeiter, ihn in die Regelversorgung zurück zu führen.

Unterdessen ist Refugio dabei, die Kooperation mit den niedergelassenen Ärzten auszubauen. Zusammen mit dem Bremer Gesundheitsamt haben die Mitarbeiter einen Adreßpool für Dolmetscher aufgebaut, auf den Ärzte in Bremen zugreifen können, wenn sie fremdsprachige Patienten behandeln. "Allerdings muß dieser Dienst von den Patienten aus eigener Tasche bezahlt werden", so Ingrid Koop, "vielleicht wäre das noch einmal was für eine Musterklage."

Weitere Infos finden Sie im Internet unter www.refugio-bremen.de

Physische und psychische Folter

Refugio unterscheidet physische und psychische Folter. Eine klare Grenze zwischen beiden ist unmöglich zu ziehen.

Zur physischen Folter gehören unter anderem Schläge, Elektroschocks, Vergewaltigungen, Verbrennungen, das Aufhängen an den Handgelenken oder Schläge auf die Fußsohlen.

Psychische Folter besteht in permanenter Einschüchterung und Bedrohung, in Scheinexekutionen oder erzwungenem Zusehen, wenn Angehörige gefoltert werden. Gefangene werden oft dadurch gebrochen, daß man sie zwingt, an Folterungen anderer mitzuwirken. Das Ziel der Folter ist nicht allein das Erpressen von Informationen und Geständnissen. Sondern die Folter soll die Basis der gesamten Persönlichkeit beschädigen oder ganz zerstören. (cben)

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