Ärzte Zeitung, 20.09.2006

HINTERGRUND

Viele Stalking-Opfer vereinsamen, manche werden depressiv

Von Anja Schäfers

Neuerdings läßt sich Karin jeden Abend von einem Kollegen nach Hause bringen. Sie hat Angst vor ihrem Ex-Freund, der ihre Trennung nicht akzeptieren will. Zuerst überhäufte er sie mit Anrufen, SMS und Briefen. Immer öfter lauert er ihr auch auf - vor ihrer Wohnung, beim Einkaufen oder im Fitneßstudio.

"Eine solche wiederholte Kontaktaufnahme, die über einen längeren Zeitraum hinweg gegen den Willen des Betroffenen stattfindet, das ist Stalking", erläutert Jens Hoffmann vom Institut für Psychologie und Sicherheit in Aschaffenburg. Der Begriff "Stalking" stammt aus dem Englischen und beschreibt das Heranschleichen an Wild.

Meist kennen sich Stalker und Opfer wenigstens flüchtig

"Am häufigsten ist die physische Annäherung, also etwa ungewünschte Treffen oder Hinterherlaufen, und die Kontaktaufnahme per Telefon, E-Mail oder Brief", sagt der Kriminalpsychologe. Die Bandbreite der Verhaltensweisen von Stalkern ist groß und kann bis zu Drohungen, Sachbeschädigung oder körperlicher Gewalt reichen. Etwa die Hälfte der Stalker sind Ex-Partner, meistens kennen sich Täter und Opfer zumindest flüchtig. "Nur in unter zehn Prozent der Fälle sind die Täter Fremde", sagt Hoffmann.

Um dem Täter möglichst wenig Angriffsfläche zu geben, schränken viele Stalking-Opfer ihre alltäglichen Aktivitäten ein und begrenzen ihre sozialen Kontakte. "Langfristig vereinsamen die meisten Opfer dadurch", sagt Karl-Günther Theobald, Psychologe beim Weißen Ring, der Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Stalking kann auch schwere gesundheitliche Folgen haben. Betroffene sind etwa besonders schreckhaft, können sich schlecht konzentrieren oder nicht mehr schlafen. Einige leiden auch unter Angstzuständen oder Depressionen.

Das Wichtigste ist, Klarheit zu schaffen

    Ärzte sollten ihre Helferinnen in der Praxis über Stalker informieren.
   

"Viele Menschen, die sich an uns wenden, sind unschlüssig, ob es sich in ihrem Fall um Stalking handelt", berichtet Theobald. Sie sollten sich folgende Fragen stellen: Lasse ich mich durch die andere Person in meiner Handlungsfreiheit beeinträchtigen? Nimmt das zu? "Wer nicht mehr direkt ans Telefon geht oder sich überlegt, welchen Weg er zur Arbeit nimmt, sollte etwas unternehmen", rät der Psychologe.

Wie sollten sich Stalking-Opfer verhalten? "Als erstes muß man Klarheit schaffen und dem Verfolger einmal deutlich sagen, daß man nichts mehr mit ihm zu tun haben will", rät Theobald. Danach sollte man möglichst gar nicht mehr auf den Täter reagieren. Dies bedeutet zum Beispiel, daß man ihn auf der Straße nicht zur Kenntnis nimmt oder bei einem Anruf wortlos auflegt. "Der Täter möchte Kontakt und auch ein simples ,Nein‘ oder ein Wutausbruch sind für ihn ein Erfolg."

Viele Opfer lassen sich von ihrem Peiniger in Gespräche verwickeln oder hoffen auf die Wirkung einer "letzten klärenden Aussprache". "Dies hat keinen Zweck, da ein Stalker Argumenten nicht zugänglich ist", sagt Hoffmann. Die Täter leiden meist an einer Realitätsverzerrung und glauben fest, daß sie ein Recht auf ihr Verhalten haben. Viele Stalker sind zudem leicht zu kränken, und Diskussionen mit dem Opfer führen häufig zu weiteren Kränkungen.

"Stalking-Opfer sollten unbedingt Familie, Freunde und Kollegen in die Vorfälle einweihen", rät Theobald. Sind Ärzte die Opfer, sollten die Helferinnen in der Praxis Bescheid wissen. Denn die Stalker werden sie kontaktieren, um etwa die neue Telefonnummer des Opfers herauszufinden oder eine Verleumdungskampagne zu starten. "Menschen aus dem persönlichen Umfeld können sich auch aktiv in den Konflikt einschalten."

Möglichst rasch sollte sich ein Stalking-Opfer auch die Hilfe von Experten holen, etwa beim Weißen Ring, psychologischen Beratungsstellen, dem Frauennotruf oder der Polizei. "Noch gibt es in Deutschland kein Gesetz gegen Stalking, doch Opfer können schon jetzt rechtlich gegen den Täter vorgehen", sagt Stephan Rusch, Leiter der Präventionsdienststelle des Landeskriminalamtes Bremen.

Er rät Opfern, eine Strafanzeige gegen den Stalker zu erstatten oder eine zivilrechtliche Schutzanordnung nach dem Gewaltschutzgesetz zu beantragen. Deshalb sollten Opfer möglichst viele Beweise für das Stalking sammeln und das Verhalten dokumentieren. (ddp.vwd)

STICHWORT

Ärzte als Stalking-Opfer

Ärzte und Psychotherapeuten gehören wie andere in helfenden Berufen tätige Menschen zu den stark gefährdeten Berufsgruppen. Menschen in diesen Berufen gelten als offen, hilfsbereit, freundlich und haben ein gewisses Sozialprestige: Merkmale, die sie anziehend machten für Stalker, heißt es im Buch "Stalking" von Jens Hoffmann (Springer Verlag, Heidelberg 2006). Stalker glauben gerade bei solchen Menschen, eine enge, persönliche Beziehung zu ihnen aufbauen zu können. Eine deutsche Umfrage aus dem Jahr 2004 ergab: Jedes fünfte Opfer von Stalkern ist im Bereich Medizin, Pflege, Soziales oder Erziehung und Bildung tätig. (eb)

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