Nicht jedes Trauma führt zu einer Belastungsstörung

BERLIN (gvg). Terroranschläge, Kriege, Flutkatastrophen - weltweit leiden Menschen an Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). Auf einer Konferenz wurde jetzt deutlich, wie sehr sich das Verständnis der PTBS in den vergangenen Jahren gewandelt hat.

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Von einer PTBS sprechen Experten bei Menschen, die von den Erinnerungen an ein schweres Trauma jahre- oder gar jahrzehntelang verfolgt werden und deswegen kein normales Leben mehr führen können. Professor Jürgen Fritze von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde schätzt die Lebenszeitprävalenz der PTBS in der Allgemeinbevölkerung auf zwei bis sieben Prozent.

"Die Art des Traumas ist für das Risiko, eine PTBS zu entwickeln, wesentlich", sagte Fritze. Bei Verkehrsunfällen liege es bei etwa 15 Prozent, bei Gewaltopfern bei einem Viertel. Von den Opfern von Vergewaltigung, Krieg oder Vertreibung seien jeweils knapp die Hälfte betroffen, so der Experte auf dem von der Stiftung catania zusammen mit dem Behandlungszentrum für Folteropfer und der Charité Berlin ausgerichteten Symposium. Catania widmet sich unter anderem der Hausarztfortbildung zum Thema PTBS und wird von ct Arzneimittel unterstützt.

Professor Rachel Yehuda von der Mount Sinai School of Medicine in New York wandte sich dagegen, das Trauma als Ursache der PTBS in den Vordergrund zu rücken: "Es gibt kein Trauma, bei dem eine PTBS häufiger entsteht als nicht entsteht", betonte sie. Die Psychiaterin untersucht die psychischen Auswirkungen des Holocaust - auf Überlebende und auf deren Kinder. Der entscheidende Faktor für die Entstehung einer PTBS sei die individuelle Persönlichkeit und Biologie, so Yehudas Fazit.

So konnte die Forscherin nachweisen, daß die Nachkommen von Holocaust-Überlebenden eher eine PTBS im Gefolge eines Traumas entwickeln als andere Menschen der gleichen Altersstufe. Dies gelte aber nur dann, wenn die Eltern in Folge des Holocaust selbst eine PTBS entwickelt hatten, so Yehuda. Eine mögliche Erklärung für diesen Befund könnte der Cortisol-Stoffwechsel liefern.

Das Auftreten einer PTBS bei Eltern wie Kindern korrelierte in Yehudas Untersuchungen nämlich mit einem niedrigen Cortisol-Gehalt im Blut. Diese Beobachtung lasse sich beispielsweise durch epigenetische Effekte erklären, durch die eine pathologisch veränderte Streßreaktion der Eltern im Uterus an die Kinder weitergegeben wurde, was diese wiederum anfälliger für eine PTBS macht.

Als praktische Konsequenz dieser Theorie propagiert Yehuda ein Risikomodell der PTBS: Nur wer anlagebedingt Risikokandidat ist, entwickelt als Reaktion auf ein Trauma eine PTBS. Für eine effektive Therapie sollten demnach nach einem Trauma gezielt Risikopersonen identifiziert, und nicht pauschal alle Betroffenen psychologisch betreut werden. Daß das leichter gesagt ist als getan, gibt auch Rachel Yehuda zu.

"Der Cortisol-Stoffwechsel ist sicher nur einer von vielen Faktoren", unterstreicht sie. Studien, in denen Traumaopfern prophylaktisch Cortison gegeben wird, sieht sie deswegen kritisch.

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