Ärzte Zeitung, 31.01.2007

Neurobiologisch betrachtet, ist Fußball anspruchsvoller als Schach

Beim NeuroForum der Hertie-Stiftung standen die komplexen kognitiven Leistungen der Fußballer im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses

Von Thomas Meißner

Fußball stellt komplexere Anforderungen an das Gehirn als Schach. Während der Schachcomputer "Deep Blue" schon 1997 den damaligen Weltmeister Garry Kasparow vom Brett fegte, haben Fußball-Roboter noch nicht einmal eine Chance gegen achtjährige Freizeit-Kicker.

Es sind nicht die körperlichen Voraussetzungen, die einen erfolgreichen Fußballspieler ausmachen. Diese seien nicht bemerkenswert, meint der Hirnforscher Professor Hans-Peter Thier von der Universität Tübingen. Die kognitiven Fähigkeiten seien das Entscheidende. "Das Gehirn ist es, das Spiele gewinnt", betonte Thier beim NeuroForum Frankfurt der gemeinnützigen Hertie-Stiftung.

Was macht zum Beispiel einen guten Torwart aus? "Unglaubliche Reflexe!", würde ein Sportreporter begeistert ausrufen. Doch kurze Reaktionszeiten sind es keinesfalls. Sie sind beim Torwartprofi nicht kürzer als beim Anfänger, wie Versuche ergeben haben. Beim Strafstoß erreicht der Ball Geschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern pro Stunde. Das ist zu schnell für einen Menschen, um die Flugbahn des Balles abzuwarten, sich für eine Ecke zu entscheiden und dann die Motorik anzuwerfen.

Erfolg des Torwarts beruht auf Wahrnehmung und Analyse

Vielmehr beruhe der Erfolg des Torwartprofis auf präziser Wahrnehmung und Analyse der Situation, so Thier. Ein guter Torwart habe gelernt, seine Augen ruhig auf die relevanten Partien des Schützen zu richten: Füße und Gesicht. Daraus lässt sich ableiten, wohin der Ball wahrscheinlich fliegen wird. Beim Anfänger kann man dagegen ständig schnelle Augenbewegungen registrieren. Das Problem: Während einer Augenbewegung, die etwa 100 Millisekunden dauert, sind Menschen funktionell blind.

Die präzise Wahrnehmung, visuelles Lernen und die Analyse der Körperbewegungen des Gegners sind entscheidende Komponenten, die den guten Fußballspieler ausmachen. Diese Wahrnehmung muss eng verzahnt sein mit guten koordinativen Leistungen, Raumverständnis und Ballgefühl.

Intuitives Wissen über die Wirkung physikalischer Gesetze

Was aber ist ein "gutes Ballgefühl"?

Thiers Antwort: intuitives Wissen über die Wirkung physikalischer Gesetze, insbesondere der Gravitation.

Er verdeutlichte dies mit der Beschreibung eines einfachen Versuches: Personen wurden aufgefordert, Bälle aufzufangen, die aus unterschiedlicher Höhe zu Boden fielen. Erwartungsgemäß war es für die Teilnehmer kein Problem, im richtigen Augenblick die Arme auszustrecken, die Hände zu öffnen und die Bälle zu fangen. "Das ist erstaunlich", meinte Thier. Denn entsprechend der physikalischen Gesetze auf der Erde verändert ein zu Boden fallender Ball ständig seine Geschwindigkeit.

Astronauten, so Thier, hätten im Weltraum trotz Trainings und unter scheinbar einfachen Bedingungen der Schwerelosigkeit erhebliche Probleme mit diesem Versuch gehabt. Das heißt, im menschlichen Gehirn sind Modelle der Wirkung von physikalischen Prinzipien repräsentiert.

Leider jedoch nicht alle Gesetze! Und deswegen ist die so genannte Bananenflanke so gefährlich. Bei der Bananenflanke versetzt der Schütze den Ball zusätzlich in eine Rotationsbewegung, wodurch eine gekrümmte Fluglinie erzeugt wird. Diese Rotationsbewegung ist nicht zu erkennen. Intuitiv erwarten die Fußballspieler, dass der Ball sich geradeaus bewegen wird. Doch genau dies tut er eben nicht. Aus diesem Grund haben auch Profifußballer ihre Probleme mit der Annahme einer Bananenflanke.

Als die "vielleicht eindrucksvollste Leistung des Fußballspielers" bezeichnete Thier die Fähigkeit, den Ball teilweise aus vollem Lauf anzunehmen und wohl bemessen zu bewegen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. "Es wäre vermessen, behaupten zu wollen, dass wir verstehen, wie unser Gehirn solche komplexen Leistungen kontrolliert." Schon die einfache Fortbewegung des Körpers verstehe man neurobiologisch gerade in ersten Ansätzen.

Das Erlernen des Spiels in frühen Lebensabschnitten verbessere die kognitiven und motorischen Fähigkeiten von Fußballspielern, sagte Thier. Dem konnte der Fußballtrainer Ralf Rangnick nur zustimmen: Gute Spieler seien bereits in jungen Jahren daran zu erkennen, dass sie intuitiv wissen, wo der Ball hingehöre. Für den ehemaligen Fußballprofi Karl-Heinz Rummenigge steht jedoch fest: "Die Motorik der Brasilianer werden wir nie haben!"

FAZIT

Fußballspieler sind zu Forschungsobjekten der Hirnforscher geworden, wie auf dem NeuroForum der Hertie-Stiftung deutlich wurde. Denn Fußball erfordert ein wohl abgestimmtes Zusammenspiel von zielgerichteten motorischen Fähigkeiten, guter Orientierung im Raum und ein durch visuelles Lernen optimiertes Entscheidungsverhalten. Die Informationsverarbeitung erfolgt in ausgedehnten neuronalen Netzwerken, die das gesamte Gehirn einbeziehen. Wie das genau funktioniert, wird bis heute aber nur teilweise verstanden.

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