Direkt zum Inhaltsbereich

Steter Hang zum Waschen und Zählen

HAMBURG (ddp). Schönheit braucht ihre Zeit. Wenn das Badezimmer aber über Stunden besetzt ist, steht hinter dem exzessiven Waschen oder Duschen womöglich ein krankhafter Waschzwang. Zwangserkrankungen gehören zu den häufigen psychischen Störungen.

Veröffentlicht:

"Manche Betroffene brauchen für ihre Reinigungsprozedur zehn bis zwölf Stunden", sagt Antonia Peters, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen. Etwa ein bis zwei Millionen Deutsche leiden Peters zufolge unter Zwangserkrankungen, damit handele es sich um die vierthäufigste psychische Störung überhaupt. Die krankhaften Rituale zu erkennen, gestaltet sich schwierig, da gewisse Zwänge auch im Leben von gesunden Menschen vorkommen.

Zudem sind die Übergänge fließend: So ist es durchaus nützlich, nach dem Kochen gewissenhaft zu überprüfen, ob die Herdplatten ausgeschaltet sind - nur eben nicht zwanzig Mal. Andere Betroffene verbringen den Tag mit exzessivem Zählen oder Ordnen. Da kann es Stunden dauern, bis die Stifte auf dem Schreibtisch in die richtige Position gebracht sind.

Ebenfalls verbreitet sind Zwangsgedanken: "Es gibt Mütter, bei denen sich nach einer Geburt die zwanghafte Angst manifestiert, sie könnten ihr kleines Kind verletzen", erläutert Peters. Die 49-jährige Hamburgerin litt selbst unter einer Zwangsstörung: Im Alter von elf Jahren begann sie, sich bei Kummer und in Stresssituationen die Haare auszureißen. Ihre Eltern, aber auch der Hausarzt und Psychiater reagierten lange mit Unverständnis und Hilflosigkeit. Erst vor zehn Jahren bekam sie ihre Krankheit durch eine Verhaltenstherapie in den Griff.

Die genauen Ursachen für Zwangsstörungen sind bislang unklar. "Höchstwahrscheinlich ist auch eine genetische Veranlagung von Bedeutung", so Professor Volker Kollenbaum, Chefarzt der Fachklinik Heiligenfeld für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Bad Kissingen. So habe man bei Betroffenen gehäuft Erkrankungen im familiären Umfeld beobachtet.

Zwar merken viele Patienten, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Sie können sich aber nicht aus eigener Kraft von ihren Zwängen befreien. Die Scham ist oft so groß, dass Suizidgedanken aufkommen. Hilfe von außen ist daher unerlässlich. "Eine Verhaltenstherapie hilft Betroffenen, mit ihren Ängsten umzugehen", rät Kollenbaum.

Die Expositionstherapie etwa konfrontiert Patienten mit den zwangauslösenden Reizen. Mit der Zeit gelinge es so, die ängstigenden Situationen auszuhalten. "Sobald ein Patient sich vergegenwärtigt, dass er seine Handlung schon ausgeführt hat und nicht wiederholen muss, kann der Teufelskreis durchbrochen werden", erklärt der Mediziner.



Schnelle Hilfe bei Problemen

Zwangserkrankte binden Angehörige häufig in ihre Handlungen ein. Sie müssen sich etwa auch Säuberungsritualen unterziehen oder dem Betroffenen ständig versichern, dass die Tür abgeschlossen ist. Diskussionen mit dem Betroffenen über Sinn und Notwendigkeit seiner Zwänge sind meist erfolglos. Schnelle Hilfe bietet in solchen Fällen die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen (www.zwaenge.de). Der Verein berät montags bis freitags von 10.00 bis 12.00 Uhr telefonisch zu therapeutischen Möglichkeiten (Tel: 05 41 / 3 57 44 33) und vermittelt Therapeuten und Selbsthilfegruppen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Rett-Syndrom

Diagnose und Verlauf einer herausfordernden Erkrankung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Acadia Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München

Dissoziation

Umgang mit Trauma und PTBS: Was kann die Hausarztpraxis leisten?

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Die kardiorenalmetabolische Organachse: ganzheitliche Versorgung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit (Quelle: Michalopoulou E et al., J Clin Med 2025, 14:428)

© Springer Medizin Verlag

Biomarker gegen Diabetes-Folgen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Diagnostics Deutschland GmbH, Mannheim
Abb. 1: Verlauf des Rett-Syndroms

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Rett-Syndrom

Diagnose und Verlauf einer herausfordernden Erkrankung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Acadia Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Porträt: xxx

© Porträt: Alexander Sahi

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Testosteronmangel: Worauf es in der Hausarztpraxis ankommt

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Besins Healthcare Germany GmbH, Berlin
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kasuistik

Atypische Stirnfalten: Wo kommen sie her?

Tipps von KI-Expertin

So hilft Künstliche Intelligenz den MFA im Praxisalltag

Lesetipps
Eine Puppe liegt dreckig auf dem Boden.

© fotogeng / stock.adobe.com

Dissoziation

Umgang mit Trauma und PTBS: Was kann die Hausarztpraxis leisten?

Wenn das Bindegewebe im Becken an Spannung verliert oder geschädigt wird, droht ein Descensus genitalis. Wichtig sind Aufklärung und Beratung der betroffenen Frauen.

© H_Ko / Stock.adobe.com

Genitalsenkung

Descensus genitalis: Aktualisierte Empfehlungen auf S3-Niveau