Shoppen, bis die Bank das Konto sperrt - dann ist es Zeit für eine Verhaltenstherapie

Mit einer kognitiven Verhaltenstherapie kriegt jeder zweite Kaufsüchtige sein Konsumverhalten in den Griff. Das konnten jetzt Psychologen in einer Studie am Uniklinikum Erlangen zeigen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Alles im Griff? Kaufsüchtige kennen beim Shoppen keine Grenzen.

Alles im Griff? Kaufsüchtige kennen beim Shoppen keine Grenzen.

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Die 52-jährige Monika N. liebt schöne, farbenfrohe, ausgefallene Klamotten. Meistens will sie nur ein bisschen die Wohnung verlassen, und wenn sie dann durch die Stadt bummelt und etwas Schönes sieht, dann muss sie es mitnehmen - nichts Teures, oft nur Schnäppchen. Inzwischen hat sie etwa 80 Sommer- und 90 Winterjacken, 200 Hosen, dazu 500 Paar Schuhe. Und 50 000 Euro Schulden. Dieses Beispiel aus der Erlanger Kaufsucht-Studie illustriert, dass Kaufsüchtige oft erst auffallen, wenn das Konto gesperrt wird und die überflüssigen Waren aus den Schubladen quillen. Immerhin, so hat die Studie ergeben, kann eine kognitive Verhaltenstherapie vielen Kaufsüchtigen helfen, den Verlockungen zu widerstehen.

Pathologisches Kaufen - auch Oniomanie genannt - liegt dann vor, wenn sich der Konsum vom Bedarf gelöst hat, das Kaufverhalten trotz Einsicht nicht normalisiert werden kann und daraus ein Leidensdruck bei den Betroffenen und ihren Angehörigen entsteht, erläutern die Autoren der Studie, Dr. Astrid Müller und Professor Martina de Zwaan vom Uniklinikum Erlangen in der Zeitschrift "Sucht" (54, 2008, 271).

Unnötige Waren oder Waren in unnötiger Stückzahl werden ohne vernünftige Motivation gekauft und dann versteckt, gehortet, verschenkt oder vergessen. "Auch die Rechnungen, Mahn- und Vollstreckungsbescheide werden versteckt, ungeöffnet ignoriert, als ob es sie nicht gibt. Der Gerichtsvollzieher gehört irgendwann zum Leben", beschreibt eine Betroffene.

Schon beim Bezahlen kommen die Schuldgefühle

Ausgelöst werden Kaufattacken durch negative Gefühle, Konflikte, aber auch durch Langeweile. Der reine Akt des Kaufens verschafft den Betroffenen dann einen kurzen Kick und eine Stimmungsaufhellung. Doch schon beim Bezahlen kommen Schuldgefühle auf.

Bisher, so die Autorinnen, gebe es kein störungsspezifisches Erklärungsmodell. Müller und de Zwaan gehen aber davon aus, dass es sich nicht um eine Sucht, sondern um eine Störung der Impulskontrolle handelt. Charakteristisch ist eine hohe psychische Komorbidität, besonders mit affektiven Störungen und Angststörungen. In einer eigenen Studie haben Müller und de Zwaan bei Patienten mit pathologischem Kaufen signifikant häufiger Persönlichkeits- und andere Impulskontrollstörungen diagnostiziert als in einer klinischen und in einer nicht-klinischen Vergleichsgruppe. Am häufigsten wurden vermeidende, depressive, zwanghafte Störungen und Borderline-Persönlichkeitsstörungen festgestellt. Die klinische Erfahrung spreche aber dafür, dass pathologisches Kaufen eine eigenständige Störung sei, denn durch die Behandlung gegen die parallel vorhandenen psychischen Krankheiten verschwinde die Kaufsucht nicht.

Nutzen von Arzneien bislang nicht erwiesen

Eine rein medikamentöse Behandlung von Patienten mit pathologischem Kaufen könne derzeit nicht empfohlen werden, so die Autorinnen. Erfolg versprechende Ergebnisse von wenigen offenen Medikamentenstudien, etwa mit Antidepressiva, konnten in kontrollierten Studien nicht bestätigt werden. Dagegen konnte die Wirksamkeit einer kognitiven Verhaltenstherapie in der Erlanger Kaufsucht-Studie von Müller und de Zwaan nachgewiesen werden. Das in den USA entwickelte Gruppen-Therapiemodell wurde in der Studie bei insgesamt 51 Frauen und 9 Männern angewandt. 31 Patienten erhielten die kognitive Verhaltenstherapie, und zwar zwölf Wochen lang eine Sitzung pro Woche. 29 Teilnehmer bildeten die Kontrollgruppe. Bausteine der Verhaltenstherapie waren ein Kaufprotokoll, das die Patienten täglich führen mussten, Expositionsübungen und kognitive Techniken zur Modifikation der dysfunktionalen Schemata. Um den Erfolg der Therapie nachzuweisen, nahmen die Patienten sechs Monate lang an Fragebogenuntersuchungen und psychologischen Interviews teil (J Clin Psychiatry 69, 2008, 1131).

Das Ergebnis: Nahezu jedem zweiten Patienten konnte geholfen werden, das exzessive Kaufverhalten in den Griff zu bekommen. Der Erfolg hielt über die Studiendauer von sechs Monaten an. "Mit unserer Studie konnten wir in Deutschland erstmals eine wirksame Therapie gegen Kaufsucht wissenschaftlich nachweisen", so Müller. (ug/mut)

Oniomanie

Nach Schätzungen gelten sechs bis acht Prozent der Bürger als kaufsüchtig oder kaufsuchtgefährdet. Betroffen sind Menschen aller Bevölkerungs- und Einkommensschichten - jüngere Menschen mehr als ältere, Frauen stärker als Männer. Die Vorlieben sind ähnlich wie bei Gesunden: Frauen mit Oniomanie kaufen vor allem Kleidung, Schuhe, Kosmetik, Lebensmittel und Haushaltsgeräte, Männer eher moderne Technik, Sportgeräte und Autozubehör.

Viele Betroffene tendieren auch dazu, die Waren zwanghaft zu horten. Bei ihnen ist eine Therapie besonders schwierig. (ug)

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