Ärzte Zeitung, 23.06.2010

Hirnforschung bessert Betreuung bei Koma

Es erfordert sehr viel Erfahrung, den Bewusstseinszustand von Koma-Patienten eindeutig zu diagnostizieren. Innovative Techniken wie das Brain-Computer-Interface erlauben eine bessere Möglichkeit der Diagnose, ob bei Koma-Patienten noch ein Bewusstsein vorhanden ist.

Hirnforschung bessert Betreuung bei Koma

Hirnforschung mittels Ableitung von Hirnströmen bei einem Probanden. Die Ergebnisse sollen Koma-Patienten zu Gute kommen.

© dpa

BERLIN (eb). "Innovative Techniken ermöglichen erstmals eine Kommunikation mit Koma-Patienten", sagte Professor Gustave Moonen aus Lüttich in Belgien bei der Jahrestagung der Europäischen Neurologischen Gesellschaft (ENS) in Berlin.

Eine korrekte Abgrenzung von beeinträchtigten Bewusstseinszuständen zählt nach wie vor zu den großen Herausforderungen dieses medizinischen Fachgebiets. "Neue Studien zeigen, dass etwa 40 Prozent der Patienten, bei denen ein Wachkoma diagnostiziert wurde, bei genauerer Untersuchung doch Anzeichen von Bewusstsein aufweisen", so Moonen.

Vorstellung löst messbare Hirnaktivitäten aus

Einen wichtigen Fortschritt bringen hier die neuen Entwicklungen in Sachen "Brain-Computer-Interface" (BCI). Das sind Systeme, die darauf beruhen, dass schon die Vorstellung eines Verhaltens messbare Veränderungen der Hirnaktivität auslösen kann, die in Signale umgewandelt werden können. Viele Forschergruppen aus aller Welt arbeiten an der Weiterentwicklung dieser Innovation, ein wichtiges, von der EU gefördertes Projekt läuft unter der Bezeichnung "Decoder" als Kooperation zwischen Forschergruppen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Großbritannien und Belgien.

In einer aktuellen Studie der Coma Science Group um Professor Steven Laureys aus Lüttich, die in Berlin präsentiert wird, wurden die Potenziale dieses Konzepts für die Diagnose von und Kommunikation mit Komapatienten in einem "Zustand minimalen Bewusstseins" untersucht. Mit vier Befehlen - Ja, Nein, Stopp und Go - sollten die 13 Patienten, ebenso wie eine Kontrollgruppe gesunder Freiwilliger, 10 bis 12 Fragen beantworten. "Wir stellen dem Patienten eine Frage, und der Sprachcomputer wiederholt die vier Antwortmöglichkeiten mehrmals. Anhand des EEGs können wir erkennen, ob der Patient oder die Patientin sich auf eine Antwort konzentriert und wenn ja, auf welche", erklärt Laureys das Prinzip. "Ein wichtiger Vorteil dieser Methode ist, dass wir nicht von motorischen Bewegungen abhängig sind, denn diese sind den Betroffenen häufig gar nicht möglich, oft handelt es sich auch bloß um unbewusste Reflexe."

Jeder Dritte beantwortet die meisten Fragen richtig

Die Ergebnisse der deutsch-belgischen Studie sind viel versprechend: Drei der zehn Komapatienten konnten mehr als die Hälfte der Fragen richtig beantworten, die zehn Patienten kamen immerhin auf Trefferquoten von im Schnitt 25 bis 33 Prozent. Frühere Untersuchungen hatten bereits sehr erfolgreiche Kommunikation von Locked-in-Patienten mittels BCI demonstriert.

"Es ist allerdings noch ein langer Weg, bis das Brain-Computer-Interface in den Routinebetrieb in Krankenhäusern Eingang finden wird", so Laureys. Doch die Entwicklung hat weit reichende Konsequenzen: Für die Zukunft erhoffen sich die Experten mithilfe solcher Methoden nicht nur eine höhere Treffsicherheit in der Diagnose, sondern auch eine bessere Qualität der Betreuung der Patienten. "Wenn wir kommunizieren können, dann sind wir auch imstande, die Bedürfnisse der Patienten besser in die Behandlung einzubinden. Wir können die Patienten nach ihren Schmerzen fragen oder danach, wie sie ihre Lebensqualität einschätzen", betont Moonen. Allerdings würde dies auch neue ethische Fragen aufwerfen, so der Experte, besonders, was die in Europa heute uneinheitliche Rechtslage und Handhabung von aktiver oder passiver Sterbehilfe betrifft.

Nach Experten-Schätzungen gibt es in Europa etwa 230 000 Koma-Patienten pro Jahr, knapp 30 000 befinden sich im ständigen Wachkoma. Grund für ansteigende Fallzahlen sind die verbesserten Möglichkeiten der modernen Unfall- und Intensivmedizin, dank derer immer mehr Patienten mit schweren Hirnverletzungen überleben, allerdings oft mit bleibenden Schäden.

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