Ärzte Zeitung, 14.10.2010

Hintergrund

Zerebralparese: Heilversuch mit Nabelschnurblut bei Kleinkind geglückt

Nabelschnurblut ist zu schade zum Wegwerfen, sagen viele Experten. Daraus gewonnene Stammzellen bieten nicht nur Krebskranken mehr Chancen. Auch Kinder mit Typ-1-Diabetes oder Zerebralparese nach Hirnschaden können von der Behandlung profitieren.

Von Ingrid Kreutz

Zerebralparese: Heilversuch mit autologem Nabelschnurblut bei Kleinkind geglückt

Autologes Nabenschnurblut: einem Kleinkind hat es nun helfen können.

© Torsten Lorenz / fotolia.com

Angesichts der wachsenden Zahl von Berichten über erfolgreiche tierexperimentelle oder klinische Studien mit allogenem oder autologem Nabelschnurblut und erfolgversprechenden Heilversuchen mit einer solchen Behandlung raten inzwischen viele Experten zur Nabelschnurblut-Gewinnung.

"Schwangere sollten über diese Möglichkeit informiert werden", appellierte Professor Werner Rath von der Frauenklinik der Universität Aachen beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München. Immer mehr private Nabelschnurbanken bieten auch die kostenfreie Spende oder eine Kombination von Eigenvorsorge und Spende an. Und immer mehr Spendebanken bieten auch die private Vorsorge an.

Über das eindrucksvolle Ergebnis eines Heilversuchs mit autologem Nabelschnurblut bei einem Kleinkind mit Zerebralparese nach Hirnschaden berichtete Professor Arne Jensen, Direktor der Campus Klinik Gynäkologie Bochum. Im Januar vergangenen Jahres wurde an der Ruhr-Universität erstmals eine autologe Transplantation von Stammzellen aus Nabelschnurblut bei einem damals zweieinhalb Jahre alten Jungen vorgenommen.

Er hatte einen schweren hypoxisch-ischämischen Hirnschaden infolge eines perioperativen Herzstillstandes erlitten. Das Nabelschnurblut des Jungen war bei der Geburt eingelagert worden. Der Junge befand sich in einer Art Wachkoma, war komplett gelähmt und jammerte ununterbrochen.

Bereits eine Woche nach der Stammzelltransplantation war eine funktionelle Neuroregeneration zu beobachten: Der Junge hörte auf zu wimmern und konnte nach Aufforderung einfache Handlungen wie das Drücken eines großen Knopfes ausführen.

Wie Jensen bei der von dem Unternehmen Vita 34 unterstützen Veranstaltung erklärte, begann das Kind den Kopf durch die Halsmuskulatur motorisch zu kontrollieren, und die Spastik in den Extremitäten ließ deutlich nach. Weitere vier Wochen später normalisierte sich das EEG. Inzwischen kann der Junge nach Angaben des Experten frei sitzen und lernt wieder das Gehen. Er macht erste Versuche beim Treppensteigen.

Aufgrund dieses Erfolgs und präklinischer Befunde bei Ratten ist nun eine placebokontrollierte Doppelblindstudie zur Überprüfung der Ergebnisse geplant. Bei neugeborenen Ratten mit experimentell erzeugtem Hirnschaden kam es nach systemischer Transplantation menschlicher mononukleärer Zellen aus Nabelschnurblut zur massenhaften Einwanderung dieser Zellen in die geschädigte Hirnregion, und die Spastik war bei den Tieren praktisch nicht mehr nachweisbar.

Eine große Chance könnte die Behandlung mit autologem Nabelschnurblut aktuellen Studien zufolge auch Kindern mit einem Typ-1-Diabetes bieten. In einer Pilotstudie an der Universität in Gainesville in Florida in den USA wurden bereits 23 Kinder mit Typ-1-Diabetes mit autologem Nabelschnurblut behandelt. Erste Ergebnisse etwa sechs Monate nach der Stammzelltransplantation zeigten, dass deutlich weniger Insulin benötigt wurde als bei konventionell behandelten Kindern (0,45 E/kg/d versus 0,69 E/kg/d). Und der HbA1c-Wert war deutlich reduziert (7 Prozent versus 8 Prozent).

Mittlerweile wurde auch an der TU München eine auf 24 Monate angelegte Phase-I-Studie mit zehn Typ-1-Diabetes-Kindern gestartet. Die Kontrollgruppe besteht aus 20 konventionell behandelten Kindern. Nach der Behandlung mit autologem Nabelschnurblut werden regelmäßig Autoantikörper, Immunmarker, HBA1c-Wert und Sicherheitsparameter gemessen.

Das Forscherteam um Dr. Heike Boerschmann hofft, dass durch die Transplantation eigener Stammzellen die Beta-Zellen des Pankreas vor einer weiteren Zerstörung durch Autoimmunprozesse bewahrt werden können. Außerdem enthält das Nabelschnurblut viele regulatorische Immunzellen. Diese sollten den Fehler im Immunsystem beheben, der zum Diabetes führt.

13 Banken für Nabelschnurblut in Deutschland

Stammzellen aus Nabelschnurblut (neonatale Stammzellen) entsprechen weitgehend den adulten Stammzellen, zeigen aber eine höhere Vitalität und Differenzierungsfähigkeit und sind kaum durch Umweltgifte, Medikamente oder Viren geschädigt (Geburtsh Frauenheilk 2010; 70: R1-R20). Seit 1988 werden Stammzellen aus Nabelschnurblut für die Behandlung bei bestimmten Krankheiten verwendet.

Die allogene Transplantation ist inzwischen bei vielen Indikationen etabliert, etwa bei Leukämie und Lymphomen. Mit Zellen aus eigenem Nabelschnurblut (autologe Transplantation) wurden bis September 2009 weltweit weniger als 200 Patienten behandelt, meist wegen schwerer Hirnschäden.

Die zweitgrößte Gruppe bilden Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes. Inzwischen kann in 95 Prozent aller deutschen Geburtseinrichtungen Nabelschnurblut für eine spätere autologe Transplantation asserviert werden. Es gibt in Deutschland sieben öffentliche und sechs private Nabelschnurblutbanken.

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