Ärzte Zeitung, 28.10.2010

Stammzell-Experimente in der Grauzone

Wer Patienten außerhalb klinischer Studien autologe Stammzellen ins Gehirn injiziert, nutzt eine Gesetzeslücke in Deutschland aus.

DÜSSELDORF (mut). Der Tod eines Kindes und der Beinahe-Tod zweier weiterer Kinder wirft ein schlechtes Licht auf die bisherige Praxis zu Stammzelltherapien in Deutschland. So reicht hierzulande eine Herstellererlaubnis für autologe Stammzellen, eine Anwendungserlaubnis ist bislang nicht erforderlich.

Stammzell-Experimente in der Grauzone

Stammzellen: Therapien in der rechtlichen Grauzone.

© dpa

Firmen wie XCell-Center "können also mit ihren Stammzellen machen was sie wollen", so der Stammzellforscher Professor Wolfgang-Michael Franz bei "Focus online". Privatkliniken dürfen sie daher auch ins Gehirn von Patienten injizieren, obwohl es bislang noch keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse gibt, dass die Patienten davon einen Vorteil haben.

In den meisten anderen Ländern sind solche Verfahren verboten - aus diesem Grund pilgerten Hilfesuchende aus aller Welt zum XCell-Center nach Düsseldorf, wo sie sich Heilung oder zumindest Linderung bei schweren Erkrankungen versprachen.

Wie riskant solche Therapieversuche sind, wird nun deutlich. Bei drei Kindern mit schwerer Zerebralparese kam es als Folge des Eingriffs zu massiven Hirnblutungen. Diese wurden zwar nicht direkt von den Stammzellen ausgelöst, sondern traten nach Angaben des XCell-Centers infolge einer Neuroendoskopie auf.

Dabei wird in der Regel ein Endoskop über ein kleines Bohrloch in der Schädeldecke in das Ventrikelsystem eingeführt. Bislang seien über 100 neurochirurgische Eingriffe in der Klinik gemacht worden, die Komplikationsrate sei dabei im internationalen Vergleich relativ gering gewesen, heißt es in einer Mitteilung der Klinik.

Das sieht die ermittelnde Staatsanwaltschaft anders. Die Behandlung der Jungen sei ein "medizinisches Experiment" gewesen, dem die verzweifelten Eltern zugestimmt hätten.

Gegen die Verfahren in der Klinik hat mittlerweile auch das zuständige Paul-Ehrlich-Institut in Langen erhebliche Bedenken angemeldet. Die Methode habe schädliche Wirkungen, "die über ein nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft vertretbares Maß erheblich hinausgehen", teilte das Institut mit.

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