Ärzte Zeitung, 08.09.2011

Psychische Probleme: Immer mehr Männer suchen Hilfe

Daten aus Nordrhein-Westfalen bestätigen: Der europaweit beobachtete Anstieg der Zahl von Menschen mit psychischen Störungen steigt deutlich - nicht nur bei Frauen.

Immer mehr Männer suchen Hilfe wegen psychischer Probleme

Keine Seltenheit mehr: Männer mit Depressionen.

© Doreen Salcher / fotolia.com

KÖLN (iss). Die Zahl der Männer, die in Nordrhein-Westfalen wegen einer psychischen Erkrankung ambulant behandelt wurden, hat sich in den vergangenen Jahren stark erhöht.

Seit 2009 wurden 208.532 Männer wegen Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen behandelt - das bedeutet seit 2005 eine Steigerung um 42 Prozent.

Bei anderen Angststörungen gab es eine Zunahme um 33 Prozent, bei depressiven Episoden um 28 und bei somatoformen Störungen um 22 Prozent.

Analyse des Landesinstituts für Gesundheit und Arbeit

Das zeigt die Analyse "Psychische Krankheiten und Verhaltensstörungen - aktuelle Trends in Nordrhein-Westfalen" des Landesinstituts für Gesundheit und Arbeit (LIGA).

Ihr liegt für die Jahre 2000 bis 2009 umfangreiches Material zugrunde, darunter die Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen (ab 2005), die Krankenhausstatistiken des Bundes und des Landes NRW, Daten der Rentenversicherung und Arbeitsunfähigkeitsdaten des BKK-Bundesverbands.

Frauen werden doppelt so oft behandelt

Nach der Erhebung liegt die Zahl der ambulanten Behandlungen wegen psychischer Erkrankungen bei Frauen nach wir vor mehr als doppelt so hoch als bei Männern.

"Allerdings fällt auf, dass die Zunahme der ambulanten Behandlungen bei Männern für die vier häufigsten Diagnosen weit über denen der Frauen liegt, so dass sich die Zahlen beider Geschlechter allmählich annähern", schreiben die Autoren Rolf Annuß und Barbara Zitzmann.

Zeitraum von 2000 bis 2009

Alle von ihnen ausgewerteten Datenquellen zeigen einen deutlichen Anstieg von Verhaltens- und psychischen Störungen. Er reicht für den Zeitraum von 2000 bis 2009 von 20 bis 50 Prozent.

"Einzelne Diagnosen weisen noch deutlich höhere Steigerungsraten auf, die bei 10 bis 20 Prozent pro Jahr liegen." Auffallend sei, dass der steile Anstieg erst nach 2006 ansetzt, während der Trend zuvor konstant oder sogar rückläufig war.

Ursachen sind unklar

Die Entwicklung lässt sich nach Einschätzung von Annuß weder mit einer früheren Diagnosestellung noch mit einem veränderten Inanspruchnahmeverhalten der Patienten erklären. "Das gab es schon in den 90-er Jahren und Anfang 2000", sagt er der "Ärzte Zeitung".

Die Ursachenforschung muss seiner Meinung nach sowohl im Gesundheitswesen als auch in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen erfolgen.

Sie sei notwendig, um geeignete Interventions- und Präventionsmöglichkeiten entwickeln zu können. Die starke Zunahme der psychischen Erkrankungen betrifft alle Altersgruppen, auch Kinder und Jugendliche.

Anstieg um jährlich 4,8 Prozent

Die LIGA-Experten haben auch die Inanspruchnahme von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten untersucht. Zwischen 2002 und 2009 gab es dabei einen Anstieg der ambulanten Behandlungsfälle um jährlich 4,8 Prozent.

Die Zahl der Therapeuten nahm demgegenüber nur um 0,6 Prozent pro Jahr zu. "Die Annahme, dass sich das Angebot den Bedarf schafft, lässt sich durch die Daten nicht belegen", sagt Annuß.

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