Ärzte Zeitung, 10.10.2011

Stillen macht Mütter aggressiv

Ob im Tierreich oder bei uns Menschen: Das Stillen fördert offenbar Aggressionen, indem es die autonome Stressreaktion dämpft. So bleibt der systolische Blutdruck stillender Mütter bei aggressiven Handlungen signifikant niedriger als bei Frauen ohne Kinder.

Von Robert Bublak

Stillen macht Mütter aggressiv

So ein süßes Baby will gestillt und verteidigt werden.

© Anja Roesnick / fotolia.com

LOS ANGELES. Wer zwischen eine Bärenmutter und ihre Jungen gerät, schwebt in Lebensgefahr, denn die Bärin verteidigt ihren Nachwuchs mit Zähnen und Klauen. Ähnliches lässt sich - in gottlob abgeschwächter Form - auch bei Menschenmüttern beobachten, die gerade ihre Kinder stillen.

"Laktationsaggression" - auch bei Menschen

Ein Team britischer und US-amerikanischer Psychologen hat nun nachgewiesen, dass ein im ganzen Reich der Säugetiere, von den Grizzlys bis zu den Mäusen, zu beobachtendes Phänomen - die "Laktationsaggression" - auch vor Müttern auf zwei Beinen nicht Halt macht (Psychological Science 2011; 22 (10): 1288-1295).

Offenbar hat das Stillen einen puffernden Effekt auf die Stressantwort, was die Betreffenden in Konfliktsituationen zugleich cooler und mutiger werden lässt.

Für ihre Studie baten die Forscher 18 stillende, 17 Muttermilchersatz fütternde und 19 kinderlose Frauen zum Aggressionstest. Die Frauen traten dabei in einem Reaktionswettkampf an verbundenen Computerterminals gegen eine vermeintliche Mitprobandin an, die sich in der Vorbesprechung aufreizend rüder Manieren befleißigte und die zwischenmenschliche Atmosphäre nach Kräften vergiftete.

Die Siegerin jeder Spielrunde durfte ihre Kontrahentin per Knopfdruck mit Lärmgeräuschen in vor der Runde festzulegender Dauer und Lautstärke traktieren, wobei jeweils die angeblich von der gegnerischen Kombattantin gewählte akustische Schlagkraft bekannt gegeben wurde.

Stillende Mütter zeigten sich aggressiver

Tatsächlich interagierten die Testfrauen aber mit einem standardisierten Computerprogramm, die im Vorlauf aggressiv posierenden Gegnerinnen waren eigens präparierte Forschungsassistentinnen gewesen.

Als Maß der Aggressivität galten das durchschnittliche Volumen und die Dauer der Klangattacken, zudem wurde der Blutdruck der Probandinnen gemessen. Stillende Mütter zeigten sich in diesem Umfeld doppelt so aggressiv wie Mamas, die ihren Kindern das Fläschchen gaben, oder Frauen ohne Kinder.

Zugleich blieb ihr systolischer Blutdruck signifikant niedriger. Offenbar erleichtert das Stillen aggressives Verhalten, indem es die autonome Stressreaktion dämpft.

Grundlegende Erkenntnisse über Aggression

Der Nutzen, den sich die Forscher von ihren Forschungen erwarten, geht über die Einsicht hinaus, vor Tagescafés mit Kinderwagenparkplatz besser die Straßenseite zu wechseln.

Vielmehr sollen daraus grundlegende Erkenntnisse über Aggression in Problemsituationen erwachsen - und über die Möglichkeiten, ihnen defensiv zu begegnen, schreiben die Wissenschaftler um Dr. Jennifer Hahn-Holbrook von der University of California in Los Angeles.

[10.10.2011, 19:28:31]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Stillen, Aggression und Stress?
Was das ganze Team britischer und US-amerikanischer Psychologen/-innen bei dieser Untersuchung zur "Laktationsaggression" allerdings absolut nicht auf dem Schirm hatte, ist die Tatsache, dass es in unserer intelligenten menschlichen Gesellschaft mittlerweile überhaupt keinen Sinn machen würde, stillende Mütter mit aggressivem Verhalten provozieren zu wollen. Denn Revier-Kämpfe bzw. deren Verteidigung, aggressiver Streit um Nahrungsressourcen oder lärmendes Aggressionsgehabe aus dem Tierreich, von den hier zitierten, ihre Jungen stillenden Bärenmüttern bis zu den Mäusen, wirken eher deplatziert und lächerlich.

Ich gebe auch zu bedenken, dass das vorliegende experimentelle 'Setting' ebenso gekünstelt war wie die Schlussfolgerungen: 'Brustfütternde Frauen fügen ihren ungebührlich aggressiven Mitstreiterinnen (Konföderierten) lauter und länger abstrafende Lärmausbrüche zu', müsste die wörtliche Übersetzung von "Breast-feeding mothers inflicted louder and longer punitive sound bursts on unduly aggressive confederates" heißen (die Publikation steckt mit der Wortwahl noch im US-amerikanischen Sezessionskrieg?).

Rein praktisch mussten 18 Mütter während des Stillens ein Computer bedienen, 17 Mütter fütterten ihre Säuglinge dabei mit Fläschchen, während die Vergleichsgruppe von 19 kinderlosen Frauen nichts anderes tun mussten, als ihren PC mit dem Aggressionstestprogramm zu bedienen. Zugleich sollten die Probandinnen sich per Computer den aggressiven Attacken ihrer experimentellen Versuchsgegnerinnen erwehren.

Es kam natürlich völlig überraschend, dass die mit Stillen u n d PC beschäftigten Mütter d o p p e l t so aggressiv waren, wie die kinderlosen Frauen, die sonst n i c h t s weiter zu tun hatten, als ihre Computer zu bedienen. Zum Glück kamen Mütter und Kinder der Stillgruppe nicht zu Schaden, weil der Blutdruck dort n i c h t signifikant anstieg. Und zugleich wohltuend, dass wir in der Medizin wissenschaftstheoretisch schon bei prospektiven, randomisierten Doppelblindstudien angelangt sind, während sich manche Psychologen noch beim 'organisierten Kaffeesatzlesen' wähnen.

Denn der Titel "Breast Feeding Increases Aggression by Reducing Stress" kommt eher einem 'schwarzen Schimmel' denn einem Erkenntnisfortschritt gleich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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