Ärzte Zeitung, 27.04.2012

Schaden Antipsychotika dem Fötus?

Nehmen Frauen während der Schwangerschaft Antipsychotika ein, müssen sie mit motorischen Defiziten beim Nachwuchs rechnen.

Von Thomas Müller

Schaden Antipsychotika dem Fetus?

Ist die werdende Mutter psychisch krank, wirkt sich das ungünstig auf die prä- und perinatale Entwicklung des Kindes aus.

© Suprijono Suharjoto / fotolia.com

ATLANTA. Nicht immer können psychisch kranke Frauen in der Schwangerschaft auf Medikamente verzichten. Gerade bei Antipsychotika sollten sie aber vorsichtig sein: Eine Studie liefert Hinweise auf motorische Defizite beim Nachwuchs.

Antipsychotika werden bekanntlich längst nicht mehr nur bei Psychosen verabreicht, sondern auch bei vielen anderen psychischen Störungen wie Depressionen, Bipolar-Erkrankungen oder Angststörungen.

Die Zahl der Verschreibungen hat sich in den USA in den vergangenen zehn Jahren fast verdreifacht, dort zählen diese Arzneien inzwischen zu den am häufigsten verordneten Substanzen.

Allerdings, so berichten US-Forscher um Dr. Katrina Johnson von der Universität in Atlanta, gebe es bislang kaum Daten zur Sicherheit in der Schwangerschaft.

Studie mit über 300 Schwangeren

Diesen Mangel wollte das Team um die Psychiaterin mit einer prospektiven Studie zumindest ein Stück weit beheben. Die Forscher begleiteten über 300 Schwangere und untersuchten deren Kinder sechs Monate nach der Geburt (Arch Gen Psychiatry 2012; online 2. April).

Die Frauen hatten alle eine psychische Erkrankung, die Mütter von 202 Kindern nahmen während der Schwangerschaft Antidepressiva, die von 22 Kindern Antipsychotika, die Mütter der übrigen 85 Kinder verzichteten in der Schwangerschaft auf psychotrope Arzneimittel.

Untersucht wurden die Babys mit einem speziellen neuromotorischen Test, der Infant Neurological International Battery (INFANIB). Dabei wird auf Tonus, Reflexe, Körperhaltung und Motorik geachtet.

Maximal möglich sind 100 Punkte, Werte über 72 Punkte gelten für Babys mit sechs Monaten als normal, Werte unter 55 Punkte als pathologisch, dazwischen liegt ein Übergangsbereich.

Im Schnitt erreichten die Kinder ohne Psychopharmaka-Kontakt 71 und die mit Antidepressiva-Exposition 69 Punkte. Am niedrigsten war der Wert mit 65 Punkten jedoch bei Kindern, deren Mütter in der Schwangerschaft Antipsychotika nahmen - die Unterschiede zu den anderen Gruppen waren signifikant.

Von den Kindern mit Antipsychotika-Kontakt hatten nur 19 Prozent normale Werte im Test, 32 Prozent waren es bei denjenigen mit Antidepressiva-Exposition und 50 Prozent bei den Kindern ohne Psychopharmaka im Mutterleib.

Psychische Erkrankung der Mutter per se ungünstig

Doch nicht nur Antipsychotika, sondern auch die Schwere der Erkrankung sowie vorangegangene depressive und psychotische Störungen der Mutter erwiesen sich als Risikofaktor für eine schlechte neuromotorische Funktion des Nachwuchses.

Insgesamt, so die Forscher, scheint eine psychische Erkrankung der Mutter per se ungünstig für die prä- und perinatale Entwicklung der Kinder zu sein, Antipsychotika können diesen Effekt offenbar noch verstärken.

Wie viel die Erkrankung und wie viel die Medikation zur ungünstigen Entwicklung beiträgt, lässt sich allerdings nicht klar abgrenzen. Da Neuroleptika Dopaminrezeptoren blockieren, erscheint ein Einfluss auf die Motorik des werdenden Kindes zumindest plausibel.

Mit Blick auf die Studiendaten raten die US-amerikanischen Forscher dazu, zusammen mit schwangeren Frauen noch gründlicher als bisher zu diskutieren, ob und welche Psychopharmaka in der Schwangerschaft wirklich nötig sind.

Quelle: www.springermedizin.de

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