Direkt zum Inhaltsbereich

Leseverbot nach Gehirnerschütterung

Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe: Das hilft Jugendlichen nach einer Gehirnerschütterung. Tabu sind Handy, PC und Bücher. Dann erholen sie sich schneller, und zwar selbst dann noch, wenn das Trauma bereits einige Wochen zurückliegt.

Von Dr. Elke Oberhofer Veröffentlicht:
So schwer es auch fällt: Nach Commotio cerebri sollten Jugendliche sogar auf den PC verzichten.

So schwer es auch fällt: Nach Commotio cerebri sollten Jugendliche sogar auf den PC verzichten.

© Ana Blazic/fotolia.com

LAWRENCEVILLE. Nach einer Gehirnerschütterung sollten Teenies mindestens eine Woche auf Handy und PC verzichten und sich körperlich schonen.

Einer US-amerikanischen Studie zufolge nutzen solche Maßnahmen auch dann noch, wenn der Unfall Wochen zurückliegt.

In der retrospektiven Studie von Professor Rosemarie Scolaro Moser und Kollegen aus Lawrenceville/New Jersey besserten sich kognitive Funktionen sowie die Symptome der Gehirnerschütterung bei 49 jungen Sportlern nach ein bis zwei Wochen Ruhe signifikant (The Journal of Pediatrics 2012; online 21. Mai).

Die Teilnehmer waren zwischen 14 und 23 Jahre alt und hatten sich bei Eishockey, Lacrosse, Fußball oder Basketball eine Gehirnerschütterung zugezogen.

Die Ärzte hatten ein Schonprogramm für Körper und Geist verordnet: So waren die Jungen und Mädchen von Schule oder Arbeit sowie vom Training befreit, sie durften nicht lesen, es herrschte Computer- und Handy-Verbot.

Sämtliche anstrengenden Tätigkeiten waren untersagt, ebenso wie Besuche bei Freunden oder Ausflüge. Die Jugendlichen sollten insgesamt viel schlafen oder ruhen.

Gemessen wurde die verbale und visuelle Erinnerung

Als Bewertungsmaßstab wurde der ImPACT-Score herangezogen (Immediate Post-Concussion Assessment and Cognitive Testing). Dieser misst neben Symptomen der Gehirnerschütterung auch verbales und visuelles Erinnerungsvermögen, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Reaktionszeit.

Für Moser und ihr Team überraschend: Im Hinblick auf die hier erzielten Werte war es unerheblich, ob zwischen Unfall und Beginn der Maßnahmen nur wenige Tage oder mehr als ein Monat vergangen waren.

Einige Jugendliche hatten sich bereits nach zwei Tagen vorgestellt, manche erst nach einem halben Jahr.

Die Forscher bildeten drei Gruppen: eine frühe Gruppe mit 14 Teilnehmern, die sich nach ein bis sieben Tagen vorstellte, eine mittlere Gruppe mit 22 Teilnehmern, die sich nach acht bis 30 Tagen ins Fachzentrum begab und eine späte Gruppe mit 13 Teilnehmern, die sich frühestens nach einem Monat präsentierte.

Die ImPACT-Indices verbesserten sich in allen drei Gruppen in den genannten Kategorien signifikant.

Die Erholung dauert länger als bisher angenommen

Bei mehr als der Hälfte der Patienten reichte eine Woche Ruhe allerdings nicht aus, damit sie wieder voll einsatzfähig wurden. Sie wurden zu einer weiteren Woche Schonung angehalten und profitierten danach ebenfalls signifikant in allen vier kognitiven Kategorien sowie bei den auf die Gehirnerschütterung bezogenen Symptomen.

Inwieweit die Jugendlichen sich tatsächlich an die strengen Maßnahmen gehalten hatten, ließ sich durch die retrospektive Studie nicht exakt nachvollziehen.

Letztere war zudem nicht verblindet, nicht randomisiert und ohne Vergleichsgruppe; die kognitiven Fähigkeiten vor dem Unfall waren nicht erfasst worden und die Studie war mit knapp 50 Teilnehmern eher klein.

All dies sind erhebliche Einschränkungen, die die Aussagekraft schmälern. Aber: Wie Professor Moser und ihre Koautoren betonen, geben die Daten einen wichtigen Hinweis darauf, dass die Erholungsphase nach einer Gehirnerschütterung wohl länger dauert als bisher angenommen.

"Ruhe" zu verschreiben sei also bei länger anhaltenden Symptomen auch noch nach über einem Monat sinnvoll.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Psychiatrische Komplexversorgung

Zwei neue EBM-Positionen für SGB-übergreifende Hilfekonferenzen

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Typische Körperumrisse bei Achondroplasie

© BioMarin

Achondroplasie

Gezielte Therapie: erste Lebensjahre sind entscheidend

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioMarin Deutschland GmbH, Frankfurt am Main
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transition Betroffener in die Erwachsenenmedizin

© Pinit / stock.adobe.com / generiert mit KI

Pädiatrische cholestatische Lebererkrankungen

Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transition Betroffener in die Erwachsenenmedizin

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Mirum Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Folgen einer Fehldiagnose bei Menschen mit einer Seltenen Erkrankung (SE), die angaben, dass ihre SE oder die SE einer von ihnen betreuten Person mindestens einmal falsch diagnostiziert wurde (n=4.756)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neuromyelitis-Optica-Spektrum-Erkrankungen

Weshalb das rechtzeitige Erkennen und Behandeln wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alexion Pharma Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Lithiumtherapie aktiviert WNT-Signalweg

Regeneration der COPD-Lunge: Was ist da möglich?

Änderungen im Überblick

So wirkt sich das GKV-Spargesetz auf Praxen aus

Lesetipps
Ärztin untersucht einen Mann an der Schulter

© New Africa / stock.adobe.com

Betäubungsmittel richtig verordnen

Opioide in der Urlaubsvertretung: Wie sich Missbrauch vorbeugen lässt

Tablets to maintain the correct functioning of the human cardiovascular system on a blue background close-up

© bisonov / stock.adobe.com

Kombi schlägt Monotherapie

Diese Blutdrucksenker werden am besten vertragen