Ärzte Zeitung, 18.01.2013

Weltweites Problem

Volksgeißel Depression

Nicht Herzkrankheiten, auch nicht Krebs - sondern psychische Probleme. Sie verursachen weltweit knapp ein Viertel der mit Krankheit und Behinderung verbrachten Zeit. Die Bedeutung neurologischer Leiden nimmt zu.

Von Thomas Müller

depressiv-A.jpg

Depressionen kosten weltweit mit die meiste gesunde Lebenszeit; die Krankheit wird dabei nur noch von Rückenschmerzen übertroffen.

© Kwest / fotolia.com

LONDON. Etwa 11 Prozent ihrer Lebenszeit verbringen Menschen mit Krankheiten und Behinderungen, und den größten Einzelbeitrag zu dieser Last liefern psychische Erkrankungen.

Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie, Alkoholmissbrauch sowie 18 weitere psychische Störungen sind nach der "Global Burden of Disease Study 2010" Ursache für weltweit knapp 23 Prozent aller Krankheitstage und -jahre.

Sie liegen damit noch vor Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Infektionen.

An der Studie haben fast 500 Autoren aus 50 Ländern unter Beteiligung der WHO teilgenommen. Die Daten wurden in einer Sonderausgabe der Zeitschrift "The Lancet" veröffentlicht (2012; 380: 2163).

Die Bedeutung psychischer und neurologischer Erkrankungen ist in den vergangenen 20 Jahren zudem deutlich gestiegen. Zwar belegten sie in einer Studie aus dem Jahr 1990 auch schon Spitzenplätze, haben ihre Position aber weiter ausgebaut.

Während die Zahl der Krankheitsjahre durch armutsbedingte Erkrankungen wie schwere Infektionen oder Mangelernährung bezogen auf die Populationsgröße um etwa ein Fünftel zurückging, nahm die Zahl der psychisch bedingten Krankheitsjahre um 5 Prozent und die der neurologisch verursachten um über 12 Prozent zu.

Letztere haben inzwischen einen Anteil von 5,6 Prozent an der mit Krankheit verbrachten Lebenszeit.

Depressionen an zweiter Stelle

Hauptgrund für die große globale Bedeutung psychischer Erkrankungen ist die hohe Prävalenz von Depressionen.

Werden die Diagnosen danach angeordnet, wie viel gesunde Lebenszeit sie kosten, dann sind Depressionen hinter chronischem Rückenschmerz die zweitwichtigste Ursache, Angststörungen liegen auf Platz 7, Drogenabhängigkeit auf Platz 12, gefolgt von Alkoholsucht (Platz 15), Schizophrenie (16) und bipolaren Störungen (18).

Bei den neurologischen Krankheiten liegen Migräne (Platz 8) und Epilepsie (20) an der Spitze, Alzheimer folgt erst an Stelle 24.

Die Auswertung zeigt zudem, dass psychische Störungen vor allem bei jungen Erwachsenen und im mittleren Lebensalter ein Problem sind: Hier wird etwa ein Drittel aller Krankheitstage durch psychische Störungen verursacht.

Dagegen steigt, wie zu erwarten, die Bedeutung neurologischer Leiden vor allem im höheren Lebensalter.

Alkohol: Osten und Südamerika

Interessant sind auch die regionalen Unterschiede: Liegen Depressionen als Krankheitsursache in allen Weltregionen auf einem der ersten drei Plätze, so ist Alkoholmissbrauch vor allem in Osteuropa und Lateinamerika ein Problem.

Schizophrenie wiederum trägt in Afrika und Westeuropa deutlich weniger zur Krankheitslast bei als im Rest der Welt. Dagegen ist Morbus Alzheimer in Westeuropa der zehntwichtigste Einzelfaktor für Krankheit, in Afrika aber ohne Bedeutung (unter Platz 60), was sich wohl mit der unterschiedlichen Lebenserwartung erklären lässt.

Auffallend ist auch der geringe Beitrag von Epilepsie zur Krankheitslast in Industrieländern (32. bis 44. Stelle) - in Mittelamerika schafft es das Leiden auf Platz 9. Da die Prävalenzen von Epilepsien weltweit ähnlich sind, lassen sich die Unterschiede wohl am besten mit der guten medikamentösen Versorgung in Industrienationen deuten.

Gravierende Folgen verkanntAddiert man zu den mit Krankheit verbrachten Lebensjahren auch die diejenige Lebenszeit, die durch vorzeitigen krankheitsbedingten Tod verloren geht, so verschiebt sich das Ursachenspektrum.

Bei diesen "disability-adjusted life years" (DALY) liegen global betrachtet Infektionserkrankungen und neonatale Störungen als Ursachen mit großem Abstand an vorderster Stelle, da sie in Entwicklungsländern zu einer hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit führen und damit besonders viele Lebensjahre kosten (Lancet 2012; 380: 2197).

In der Altersgruppe von 15 bis 30 Jahren verursachen psychische Störungen aber ähnlich viele DALYs wie Infektionen. Zudem zeigen sich auch hier deutliche Verschiebungen.

Während die Zahl der DALYs durch Infekte in den vergangenen 20 Jahren bezogen auf die Bevölkerungsgröße fast um die Hälfte abnahm, steigerte sich die der Zahl der DALYs bedingt durch psychische Störungen um 6 Prozent, durch neurologische Störungen gar um 17 Prozent.

Neuropsychiatrische Krankheiten werden also auch bei den DALYs immer bedeutsamer. Bei den Einzeldiagnosen liegt die Depression hier auf Platz 11 der wichtigsten Ursachen für Tod und Krankheit, vor 20 Jahren war es noch Platz 15.

Ganz oben auf der Liste platziert sind inzwischen ischämische Herzerkrankungen, gefolgt von Atemwegsinfekten und Schlaganfall. In Westeuropa steht die Depression allerdings bereits an vierter Stelle nach Rückenschmerz, Herzinfarkt und Schlaganfall.

Die Studienautoren kommen aufgrund dieser Daten zu der Schlussfolgerung, dass die gravierenden Folgen gerade bei psychischen Störungen noch immer verkannt werden.

Es sei dringend nötig, effektive und kostengünstige Strategien zu entwickeln, um die immense globale Last durch psychische Krankheiten zu senken.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Verzerrte Wahrnehmung

[21.01.2013, 15:24:26]
Almut Rosebrock 
Gesellschaftliche Hetze und Konsumdruck - Der Mensch "verliert" seine Mitte
Die aktuelle Ärzteumfrage zeigt eine große prozentuale Zufriedenheit mit dem Berufsbild und den Aufgaben - aber die Formalismen, die Bürokratie, die Vorschriften nehmen allüberall den arbeitenden Menschen viel Zeit und Kraft, die sie für die eigentlichen Aufgaben brauchen würden.
Ich glaube, es ist uns Vertrauen verlorengegangen. Und Liebe - nicht im Sinne von Sex, sondern weitergehend. Herzensangelegenheit.
Menschen haben - immer noch - ein Gespür für das, was richtig und gut ist. Vor allem junge Menschen suchen intuitiv nach tiefer innerer Erfüllung, nach glaubhaften Beziehungen - und das geht auch nie verloren.
Unsere Gesellschaft jedoch sieht das immer weniger. Alles ist überkorrekt, abgesichert, "perfekt". Und dabei bleibt doch sooo viel auf der Strecke.

Meine Depressionen, die ich durchlebt habe, wollten mir etwas "sagen".
Ich hatte Entwicklungssprünge zu meistern - und war innerlich nicht bereit dazu. Ich brauchte mehr Zeit, habe mich selbst überfordert.

Depression muss, darf nicht einfach so "wegtherapiert" werden!
Ein Mensch wächst auch mit und an der Last, die er oder sie zu tragen hat; in die Tiefe und in die Breite. Man muss den Menschen aber auch lassen - auf der Suche nach dem "authentischen Leben".

Ich vermisse manchmal den kritischen Blick unserer Gesellschaft (und auch Politik) auf sich selbst. Denn es wird alles immer noch verrückter und komplexer - bis irgendwann keiner mehr durchschaut.

Kontrollverlust jedoch ist eine optimale "Voraussetzung" dafür, depressiv zu werden. Der Mensch möchte sinnerfüllt handeln und leben, nicht für bloße "Vorschriften" und "Formen".

Ich wünsche allen, die das hier lesen, viel Kraft für ihren und auf Ihrem Weg! zum Beitrag »
[18.01.2013, 22:54:12]
Claus F. Dieterle 
Jesus Christus

Ich möchte auch auf Therapeutische Seelsorge hinweisen.
Jesus Christus spricht in Matthäus 11,28.29:
Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich will euch erquicken.
Stellt euch unter meine Leitung und lernt bei mir; dann findet euer Leben Erfüllung.
(Bibel in heutigem Deutsch)

Mit guten Segenswünschen
Claus F. Dieterle
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Resistente Keime bedrohen Fortschritte aus Jahrzehnten

Jeder vierte Todesfall durch Antibiotika-resistente Keime weltweit wird durch Tuberkulose (TB) bedingt. Um die Situation zu verbessern, reichen neue Arzneien aber nicht aus, betonen TB-Experten. mehr »

Regelmäßiges Frühstück ist offenbar gut fürs Herz

Wer regelmäßig frühstückt, beugt damit offenbar kardiovaskulären Erkrankungen vor, berichtet die American Heart Association (AHA). mehr »

Sperma-Check per Smartphone-App

Millionen von Paaren weltweit wollen ein Kind, doch es klappt nicht. Die Ursachen liegen in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Ein einfacher Test könnte Männern künftig die Untersuchung ihres Spermas erleichtern. mehr »