Ärzte Zeitung, 10.09.2013

Kommentar zur Suizidforschung

Bluttest allein reicht nicht

Forscher haben entdeckt, dass Biomarker im Blut darauf hinweisen, ob Patienten mit bipolaren Störungen womöglich an Selbstmord denken. Dies kann eine psychiatrische Untersuchung aber nicht ersetzen.

Von Peter Leiner

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ob Patienten mit bipolaren Störungen zu einem bestimmten Zeitpunkt suizidgefährdet sind, lässt sich nicht allein an einem Bluttest ablesen.

Was US-Forscher bei solchen Patienten jetzt entdeckt haben, sind vor allem biologische Zusammenhänge, deren Verständnis Diagnose und Therapie bereichert. Allein die Tatsache, dass jemand an einer solchen Störung leidet, mit Depressionen sowie manisch-depressiven Mischzuständen, ist ja bereits wesentliches Zeichen für ein erhöhtes Suizidrisiko.

So würde sich der Bluttest - wenn er denn eines Tages routinemäßig genutzt werden könnte - einreihen in die Liste der Merkmale, die jetzt schon helfen, Suizidgefährdete zu erkennen: also Suizidversuch in der Anamnese, schwere depressive Episoden im Krankheitsverlauf, Angehörige, die Suizid/Suizidversuche begangen haben, jüngeres Lebensalter, Einsamkeit oder soziale Isolation, aber auch - so die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen - eine Persönlichkeitsstruktur, die impulsive Merkmale hat.

Die Entdeckung der Marker bringt vor allem die Erforschung biologischer Grundlagen von Suizidalität voran. Einen Test, der eine psychiatrische Untersuchung ersetzt, wird es nicht geben.

Lesen Sie dazu auch:
Bipolare Störungen: Suizidgefahr am Blut abzulesen?

[10.09.2013, 09:10:42]
Dr. Karlheinz Bayer 
Dieser Kommentar sehr richtig!

Sehr geehrter Herr Leiner,

Ihr Kommentar ist sehr richtig.
Was heißt schon bipolar? Ambivalent? Schizoid? Was ist eine Störung und was ist eine Struktur? Was ist eine Gefährdung und was ist eine Gefahr? Ist ein Suizid beabsichtigt und nachvollziehbar oder eine Kurzschschlußhandlung und vermeidbar? Ist er blutchemisch, hormonell oder genetisch fixiert, und wenn, kann man ihn trotzdem abwenden?

Ich kann exemplarisch berichten von dem Kollegen einer Hotelfachfrau, die sich erhängt hat, der daraufhin seinen Job im selben Hotel gekündigt hat, um dem permanenten Druck und der Ausbeutung am Arbeitsplatz zu entgehen, um nicht genauso zu enden.
Ist dessen Verhalten jetzt überzogen, paranoid, bipolar oder angebracht?

In wievielen bipolaren Situationen befinden wir Ärzte uns täglich?
Zum Beispiel in Fällen wie diesen, wo wir uns fragen, ob ein besseres Krisenmanagement ein Leben hätte retten können, also ein früheres Erkennen des bevorstehenden Suizids.

Der Suizid hat sehr viele Ähnlichkeiten und sehr viele Überschneidungen mit der Sterbehilfe. Es fehlt keineswegs an einem Bluttest, um eine Suizidgefährdung erkennen zu können. Er könnte im Gegenteil den Druck sogar nach allen Richtungen vergrößern - "Warum haben Sie keinen Test gemacht?" - "Wieso hat er sich erhängt, obwohl der Test negativ war?" -
"Bitte machen Sie bei mir einen Test!" - zumindest im letzten Fall hätten wir ein Aufgreifkriterium einer Suizidgefährdung, und die letzte Frage zeigt auch, wie wie wenig der Test, und wie viel der Kontakt den Ausschlag gibt. Wir brauchen mehr Kontakt.

Ihr
Karlheinz Bayer zum Beitrag »

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