Ärzte Zeitung online, 09.04.2014

Hyperfokussierung

Psychopathen können Empathie lernen

Psychopathen blenden emotionale Reize aus, wenn sie ein Ziel verfolgen. Offenbar kann ihr Hirn solche Signale nicht parallel verarbeiten. Versuchen sie aber bewusst, sich in die Lage anderer Menschen zu versetzen, dann oft mit Erfolg.

Von Thomas Müller

Psychopathen können Empathie lernen

Eine Hyperfokussierung auf das Ziel blendet bei Psychopathen offenbar Gefühle wie Angst und Empathie aus.

© fdenb / fotolia.com

WIESBADEN. Psychopathen geben uns noch immer viele Rätsel auf: Sie gelten als rücksichtslos, furchtlos und gefühlskalt - weder eine drohende Bestrafung noch das Leiden ihrer Opfer kann sie von Untaten abhalten. Angst und Empathie kochen bei ihnen auf Sparflamme, aus Strafen scheinen sie nichts zu lernen.

Studien mit funktioneller Bildgebung (fMRT) konnten bei psychopathischen Straftätern Veränderungen in Hirnnetzwerken für Empathie und Emotionen nachweisen, etwa im orbitofrontalen und im ventromedial präfrontalen Kortex.

Einige Forscher vermuten, dass Psychopathen zwar einen Teil dieser Netzwerke anschieben, der Stimulus aber nur kognitiv und nicht emotional verarbeitet wird. Die Betroffenen wissen demnach sehr gut, was vor sich geht, es berührt sie aber nicht.

Probleme mit der Aufmerksamkeit

Eine etwas andere Interpretation legen nun Daten nahe, die Professor Sabine Herpertz von der Uniklinik Heidelberg auf der Fortbildungsveranstaltung "Psychiatrie Update" in Wiesbaden vorgestellt hat.

Danach könnte eine Hyperfokussierung auf das jeweilige Ziel bei Psychopathen Gefühle wie Angst und Empathie ausblenden, die Betroffenen wären unter anderen Umständen also sehr wohl in der Lage, Ängste und Mitleid zu empfinden - immer dann, wenn sie sich darauf konzentrieren.

Herpertz nannte als Beispiel eine Studie, in der psychopathische Gefängnisinsassen unter fMRT einen Test absolvierten, bei dem Fehler mit einem kleinen Stromstoß geahndet wurden (Cogn Affect Behav Neurosci. 2013; 13: 757).

War das primäre Ziel, Fehler zu vermeiden, die solche Stromstöße nach sich ziehen, dann wurde bei den Psychopathen das Angstzentrum, die Amygdala, in ähnlicher Weise aktiviert wie bei Kontrollpersonen ohne Psychopathie.

Sollten sie sich jedoch parallel dazu auf eine andere Aufgabe konzentrieren, dann schienen sie keine Angst mehr vor den Stromstößen zu haben, die Amygdala fuhr ihre Aktivität zurück, bei den Kontrollpersonen blieb sie dagegen hoch.

Die kognitive Fokussierung auf ein anderes Ziel bremst offenbar das limbische System: Laufende Denkvorgänge werden nicht unterbrochen, wenn Bedrohungsreize auftreten. "Wenn eine Belohnung lockt, werden Reize, die vor einer Bestrafung warnen, einfach nicht wahrgenommen", vermutet Herpertz.

Aufmerksamkeits-Flaschenhals im präfrontalen Kortex

Forscher gehen von einem generellen Aufmerksamkeits-Flaschenhals im präfrontalen Kortex aus: Dieser ist mit der kognitiven Fokussierung so ausgelastet, dass er Signale, die das Angst- oder Empathienetzwerk aktivieren könnten, weitgehend abblockt.

Dies lässt sich aber ändern. Zeigt man Psychopathen etwa Bilder von Händen in allen möglichen Situationen, auch zwischen zuschlagenden Autotüren, dann betrachten sie diese in der Regel ohne jegliche Emotionen.

Entsprechende Netzwerke zeigen im fMRT kaum Aktivität. Bittet man sie jedoch, sich in die jeweiligen Personen hineinzuversetzen, so scheint ihnen das durchaus zu gelingen: Die Hirnaktivität bei Schmerz- oder Wutdarstellungen ist nach einer solchen Aufforderung ähnlich wie bei Kontrollpersonen (Brain 2013; 136: 2550).

Konzentrieren sich Psychopathen darauf, können sie ihr Empathie-Netzwerk also in Gang setzen. Dies, so Herpertz, sei auch therapeutisch interessant: So könnten Psychopathen vielleicht lernen, in kritischen Situationen innezuhalten, um sich die Auswirkungen ihres Handelns bewusst vor Augen zu führen.

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