Ärzte Zeitung, 15.12.2014

Beispiel Bad Aibling

Außenskelett ermöglicht aufrechten Gang

Mit dem Exo-Skelett, einem Gangroboter, können Patienten mit Querschnittlähmung oder mit Hemiparese nach einem Schlaganfall wieder Schritte zurücklegen. Erfahrungen damit hat etwa die Schön Klinik Bad Aibling.

Von Jürgen Stoschek

MÜNCHEN. Seit etwa einem Jahr setzt die Schön Klinik Bad Aibling zur neurologischen Rehabilitation von Patienten mit Querschnittlähmung oder Hemiparese als Folge eines Schlaganfalls einen Gangroboter, ein sogenanntes Exo-Skelett, ein.

Mit dem Gangroboter, der am Körper fixiert wird, können sich Patienten mit Lähmungen in den unteren Extremitäten oder schwer Gehbehinderte während eines 20- bis 40-minütigen Trainings im Raum gehend bewegen.

Die bisher vorliegenden Behandlungsergebnisse zeigen nach Angaben von Dr. Friedemann Müller, dem Chefarzt der Klinik, dass sowohl Patienten mit Querschnittlähmung unterhalb der Hüfte, bei denen die Querschnittlähmung weniger als ein Jahr zurückliegt, als auch Schlaganfallpatienten mit Hemiparese vom Einsatz des Gangroboters profitieren.

Die Zahl der zurückgelegten Schritte verdoppelt bis verdreifacht sich. Therapieeffekte auf Psyche, Herz-Kreislauf und andere Körperfunktionen seien erkennbar.

Neuropathischer Schmerz reduziert

So bessern sich die Blasen-Darm-Funktion, das Gleichgewicht im Stehen, die Gelenkbeweglichkeit, die Durchblutung sowie Ausdauer und Kraft, berichtete Müller bei einer Presseveranstaltung des US-Unternehmens Ekso Bionics in München.

Bei Querschnittgelähmten bewirke eine regelmäßige Anwendung des Gangroboters offenbar eine mehr oder weniger vollständige Reduktion neuropathischer Schmerzen.

In der Neuro-Rehabilitation gehe es unter anderem darum, die etwa nach einem Schlaganfall verloren gegangenen Bewegungsabläufe wieder neu zu lernen, am besten in einer möglichst realistischen Umgebung. "Wer wieder gehen will, muss gehen üben", sagte Müller.

 Normalerweise erfolge das Training mit stationären Geräten, beispielsweise auf dem Laufband. Mit dem Gangroboter bewege sich der Patienten selbst, was nicht nur die Motivation erhöhe, sondern auch verschiedene physische Funktionen verbessere.

"Wir sehen eine deutliche Reduktion der Spastik", berichtete Müller. In einer Studie will die Schön Klinik jetzt die Effekte einer klassischen Physiotherapie mit der physiotherapeutischen Behandlung mithilfe des Gangroboters bei Patienten mit Hemiparese vergleichen.

In Deutschland neun Gangroboter

Nach Angaben des Unternehmens sind derzeit weltweit 95 Ekso-Gangroboter im Einsatz, davon neun in Deutschland.

Der Gangroboter ist nach Unternehmensangaben geeignet für Patienten mit kompletter Querschnittlähmung bis zur Läsionshöhe C7, inkompletter Querschnittlähmung sowie Hemiparese nach Schlaganfall im nicht-, prä- und frühambulanten Stadium.

Seit 2012 wurden mehr als 4500 Patienten mit dem Gerät trainiert. Der batteriegetriebene Roboter wiegt 23 Kilogramm und wird über die Kleidung und Schuhe "angezogen" und mit Bändern am Körper fixiert.

Der Patient sollte nicht größer als 1,90 Meter sein, nicht mehr als 100 Kilogramm wiegen und eine maximale Hüftbreite von 46 Zentimeter haben. Voraussetzung ist außerdem genügend Kraft im Rumpf und in den oberen Extremitäten sowie eine ausreichende Balance.

Ziel ist ein physiologisches Gangbild

Der Patient steuert das Gerät über Handbewegungen. Mehrere Sensoren erkennen an Gewichtsverlagerungen computergestützt unmittelbar die Absichten des Anwenders, die das Gerät dann nach dem Servo-Prinzip ausführt.

"Der Roboter erkennt, wie viel Kraft der Patient beim Laufen jeweils tatsächlich benötigt und stellt diese zur Verfügung", erläuterte ein Unternehmenssprecher. Bei Patienten mit Hemiparese wird eine Unterstützung der nicht-betroffenen Seite deaktiviert.

Ein Ziel sei es einem gleichmäßigen und physiologischen Gangbild möglichst nahe zu kommen.

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