Ärzte Zeitung, 24.07.2015

Kleine Frühchen

Jedes dritte hat größere neurologische Defizite

Etwa jedes dritte überlebende Frühchen mit sehr niedrigem Geburtsgewicht hat an seinem zweiten Geburtstag größere neurologische Defizite. Das zeigt eine US-Studie mit Daten aus zwei Jahrzehnten.

Von Peter Leiner

Jedes dritte hat größere neurologische Defizite

Der Anteil Frühgeborener bei Geburten ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

© Tobilander / fotolia.com

MEMPHIS. Wie ist die Prognose von extrem Frühgeborenen? Um das zu klären, haben Neonatologen um Dr. Kirtikumar Upadhyay vom University of Tennessee Health Science Center Daten ihres Zentrums aus den Jahren 1989 bis 2009 analysiert (J Perinatol 2015; online 7. Mai).

In dieser Zeit waren dort fast 22.700 Kinder auf der neonatologischen Intensivstation behandelt worden. Darunter gab es auch 273 sehr früh Geborene mit einem Geburtsgewicht von höchstens 500 g. Die Befunde von 212 dieser extremen Frühchen ließen sich für die Studie auswerten. Bei ihnen lag das Geburtsgewicht bei 285 bis 500 g und das Gestationsalter bei 22 bis 28 Wochen (Median: 24 Wochen).

Nach Angaben der Forscher wurden 60 bis 70 Prozent der Frühchen im Kreißsaal intubiert. Diese Rate habe sich während der zwei Dekaden kaum geändert. Die übrigen Kinder erhielten supportive Maßnahmen. Nur in den letzten drei Studienjahren bis 2009 wurden die Frühchen prophylaktisch mit Surfactant zur Unterstützung der Lungenreifung behandelt.

Auf der Intensivstation erhielten immer mehr Kinder in den letzten Jahren im Vergleich zu früher eine Hochfrequenzbeatmung oder eine Therapie mit "Continuous Positive Airway Pressure" (CPAP).

Frühgeborenen-Retinopathie bei 90 Prozent festgestellt

In den 20 Studienjahren überlebten 61 der extremen Frühchen (29 Prozent) und wurden aus der neonatologischen Intensivstation entlassen. 17 der Neugeborenen waren Weiße, 43 afroamerikanischer Abstammung. Als "Small for Gestational Age" (SGA) wurden 55 der überlebenden Neugeborenen eingestuft.

Je höher das Gestationsalter war, umso höher war auch die Überlebensrate. Sie betrug knapp 11 Prozent bei Geburt in der 22. Schwangerschaftswoche (SSW), 40 Prozent bei Geburt in der 25. SSW und fast 52 Prozent bei Geburt ab der 26. SSW. Die Ärzte weisen zudem darauf hin, dass deutlich mehr Mädchen als Jungen überlebten (39 versus 14 Prozent).

In der Klinik wurde bei fast allen Frühchen eine Frühgeborenen-Retinopathie (knapp 90 Prozent) und eine chronische Lungenerkrankung (fast 100 Prozent) diagnostiziert. Deutlich seltener waren Neugeborene mit einer intraventrikulären Blutung (30 Prozent).

Nach Angaben von Upadhyay und seinen Kollegen gab es von 50 der 61 überlebenden Frühchen (82 Prozent) Follow-up-Befunde. Diese reichten bei insgesamt 44 Kindern (72 Prozent) über die ersten beiden Lebensjahre. Bei sieben Kindern (14 Prozent) wurde eine Zerebralparese diagnostiziert.

Bei 17 Frühchen (34 Prozent) lag bei Tests zur kindlichen Entwicklung der Wert auf der Mental- (MDI) und Motorikskala (PDI) unter 70 (Referenzwert: 100 ± 15 und 16). Zehn Kinder (20 Prozent) hatten Hörstörungen, vier (8 Prozent) waren blind. In den zwei Jahren starben sechs Kinder (12 Prozent).

Insgesamt hatten 33 Prozent der Kinder an ihrem zweiten Geburtstag normale neurologische Testergebnisse.

43 Prozent der Kinder lagen zu dem Zeitpunkt mit ihrem Gewicht und Kopfumfang unter der 5-Prozent-Perzentile. Bei Ein- und Mehrlingen waren die Überlebens- und Morbiditätsraten nicht verschieden.

[24.07.2015, 11:41:13]
Dr. Detlef Bunk 
MCD doch nicht Adé?
Die Untersuchungsergebnisse scheinen dafür sprechen, die vor mehr als 20 Jahren aus der kinder- und jugendpsychiatrischen diagnostischen und therapeutischen Nomenklatur verbannte syndromatische Betrachtung einer „Minimalen Cerebralen Dysfunktion“ (MCD) wieder stärker als entwicklungspsychopathologische Entität zu betrachten.

Dr. phil. Detlef Bunk
Dipl. Psych., PP, KJP
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