Ärzte Zeitung, 26.10.2015

Hochsensibilität

Alles ist zu laut, zu voll, zu grell

Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern eines von vielen Persönlichkeitsmerkmalen - nicht mehr und nicht weniger. Doch das Phänomen scheint sich inzwischen in Deutschland zu einer Art Mode-Diagnose zu entwickeln.

Von Christine Starostzik

Intensives Erleben hat seinen Preis

Überfordert: Bei permanenter Überreiztheit drohen psychische Störungen.

© Oliver Berg / dpa

Neu-Isenburg. Zu laut, zu voll und zu grell, die morgendliche U-Bahnfahrt schier unerträglich - was den einen kein Problem bereitet, kann für hochsensible Menschen ein wahrer Horrortrip sein. Als Pionierin der Hochsensibilität gilt die US-Psychotherapeutin Alaine Aron, die den Begriff "Highly Sensitive Person" (HSP) 1996 erstmals beschrieben hat.

Verschiedenen Autoren zufolge scheint es sich dabei um ein regelrechtes Massenphänomen zu handeln, von dem bis zu 25 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Professor Peter Falkai von der Psychiatrischen Klinik der Uni München hält diese Angaben für übertrieben. Er schätzt die Häufigkeit der Hochsensibilität auf etwa ein bis drei Prozent.

Dabei handle es sich um Menschen, die, obwohl sie nicht im Sinne einer diagnostizierbaren Erkrankung krank seien, trotzdem leiden würden, so der Münchner Psychiater im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Ursache ist eine permanente Reizüberflutung.

Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem neurologische Besonderheiten dafür sorgen, dass weitaus mehr Informationen ungefiltert ins Gehirn gelangen als bei anderen Menschen. So sind die Grenzen schneller erreicht und die Speicher laufen über.

Um die Flut der Eindrücke einigermaßen in den Griff zu bekommen, ziehen sich Hochsensible häufig zurück und meiden Situationen, die zu Überstimulation führen, so gut es geht. Schnell gelten sie deshalb als Sonderlinge.

Sensibler als andere - ja, und?

Folgt man den Berichten Betroffener, so fühlen sich diese irgendwie "falsch" und leiden unter ihrer Überempfindlichkeit. Viele Menschen sind erleichtert, wenn ihnen ihre Hochsensibilität bestätigt wird, etwa durch einen der Tests, die online zur Verfügung stehen (www.zartbesaitet.net). Dann muss ein einschlägiger Ratgeber her.

Glücklicherweise gibt es mittlerweile Experten für jedes Lebensproblem. Trainer, Coaches und Psychotherapeuten bieten Beratung und "Behandlung" an, die Hochsensiblen den Weg durch die Welt ebnen sollen. Sicher ist das ein lukratives Geschäft, gerade jetzt, wo so viele Menschen ihre Hochsensibilität entdecken.

Denn das geschieht Kritikern der genannten Tests zufolge ganz schnell, wenn man die einschlägigen Fragen beantwortet hat. Und dann? Wäre eine Therapie hilfreich? Stopp! Spätestens jetzt ist es Zeit, daran zu erinnern, dass ein Persönlichkeitsmerkmal nicht "behandelt" werden muss.

Hochsensibilität ist keine Störung!

Sicher tut Hilfestellung beim Stressabbau gut. Aber zu schnell rutscht das Ganze zuweilen in Richtung "Störung", und eine wachsende Patientenschar ist garantiert.

Noch kämpft das Thema "Hochsensibilität" um seine wissenschaftliche Anerkennung. Einige Studien laufen derzeit an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Auch begrifflich herrscht Durcheinander. So wird Hochsensibilität zum Teil als spezifische Ausprägung von Intelligenz gesehen und mit Hochbegabung gleichgesetzt, und einige Betroffene geraten offenbar infolge ihrer Überreizung versehentlich in die Kategorie ADHS.

Entscheidend sei, so Falkai, Patienten mit ihren Beschwerden ernst zu nehmen. Oft genüge schon ein einziges Gespräch, um den Leuten zu erklären, dass ihre Stressachse überlastet sei und der Tagesplan abgespeckt werden müsse. Den meisten anderen könne durch eine Kurzintervention von einigen Stunden geholfen werden.

Prävention von Folgekrankheiten wichtig

Darüber hinaus sei es aber wichtig zu erkennen, wenn sich aus der permanenten Überreiztheit eines hochsensiblen Patienten Folgeerkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder somatoforme Störungen entwickeln, die dann tatsächlich einer längerfristigen psychotherapeutischen Behandlung bedürfen.

Falls eine medikamentöse Therapie wegen einer begleitenden psychischen Erkrankung erforderlich wird, sind bei hochsensiblen Patienten Besonderheiten zu beachten. "Man sollte die Leute besonders gut und umfänglich aufklären und mit der Dosis aufpassen", mahnt Falkai.

"Eine Therapie mit Antidepressiva etwa sollte man bei diesen Patienten mit der halben oder einer noch niedrigeren Dosis beginnen, Tropfen verwenden oder zunächst ein pflanzliches Präparat geben."

Natürlich müssen alle Beschwerden ernst genommen werden. Aber popularisierte Phänomene entwickeln sich leicht zu Selbstläufern. Wären nicht generell etwas mehr Toleranz für Anderssein und Vielfalt sowie Rücksichtnahme im Alltag angebracht, statt jedem ein Etikett aufzukleben, zumal wenn der Begriff noch nicht einmal klar definiert ist?

Menschen brauchen mehr Mut zu Eigenverantwortung und ein typangepasstes Stressmanagement. Wer dazu rät, hat wertvolle Schritte zum Wohlbefinden aller Patienten, einschließlich der Hochsensiblen, eingeleitet.

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