Ärzte Zeitung, 06.05.2016

In der Schwangerschaft

Gestresste Mütter, ängstliche Kinder

Ist die Mutter während der Schwangerschaft ständig Stress oder Gewalt ausgesetzt, kann das gravierende Folgen für die Gehirnentwicklung des Kindes haben: Neugierde, Lernfähigkeit und psychische Gesundheit leiden.

Von Thomas Müller

Gestresste Mütter, ängstliche Kinder

Stress in der Schwangerschaft beeinflusst die Entwicklung von Gehirn und Immunsystem des Babys.

© pololia - Fotolia

KÖLN. Trägt die hohe Gewaltbereitschaft in vielen Kulturen und Gesellschaften mit dazu bei, dass sie nicht vorankommen? Für den Traumaexperten Professor Thomas Elbert von der Universität Konstanz ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig.

Seine Feldstudien legen zusammen mit neuen molekularen Erkenntnissen und Tierexperimenten nahe, dass Gewalterfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft sowie Stress und Missbrauch in der frühen Kindheit Gehirne entstehen lassen, die in einer modernen Wissensgesellschaft Probleme haben.

Wie belastende Erfahrungen Spuren in Geist, Gehirn und sogar im Genom hinterlassen, wird Elbert am 29. April beim Neurologen- und Psychiatertag in Köln berichten.

Weichen im Mutterleib gestellt

Nach aktuellen Forschungsergebnissen, so Elbert, werden bereits wichtige Weichen im Mutterleib gestellt. Erlebt die Mutter während der Schwangerschaft anhaltend Stress und Gewalt, beeinflusst dies massiv die Entwicklung von Gehirn und Immunsystem: Eine überaktive maternale Stressachse verändert die Methylierung einer Vielzahl fetaler Gene und regulatorischer Sequenzen.

Betroffen sind dabei vor allem DNAAbschnitte für die Gehirnentwicklung und fürs Immunsystem. Die Veränderungen sind wahrscheinlich geeignet, um das Kind an eine gewaltgeprägte Umgebung möglichst gut zu adaptieren.

Das Immunsystem wird darauf ausgerichtet, besser mit Verletzungen und Entzündungen fertig zu werden, das Nervensystem soll Gefahren rasch erkennen und vermeiden.

Heraus kommt dann oft ein Kind, das eher ängstlich ist und schlecht schläft, aus diesem Grund eine Bedrohung aber rasch wahrnimmt und bei Gefahren schnell reagiert.

Dieser Weg wird dann häufig in der frühen Entwicklung verstärkt, wenn das Kind auf der Welt ist und tatsächlich Gewalt und Missbrauch erfährt. Forscher um den Traumaexperten konnten in brasilianischen Favelas und den Townships von Südafrika je nach Art der belastenden Ereignisse typische Methylierungsmuster feststellen - zum Teil über mehrere Generationen hinweg.

So lassen sich bei den Enkeln noch etwa zehn Prozent der stressbedingten epigenetischen Veränderungen nachweisen, die bei den Großeltern aufgetreten sind.

Gehirn schießt, bevor es nachdenkt

Welche Bedeutung diese Veränderungen haben, erläutert Elbert an einem Beispiel: Stolpern wir über einen Stock, der wie eine Schlange aussieht, erschrecken wir zunächst und springen zur Seite. Dieser Abwehrmechanismus reagiert sehr schnell und entzieht sich unserer Kontrolle.

Es dauert hingegen einige Zeit, bis das Gehirn die Information richtig eingeordnet hat und erkennt, dass keine Gefahr vorliegt. Ist das Gehirn nun auf eine gefährliche Umgebung ausgerichtet, dominiert die schnelle, reflexartige Informationsverarbeitung zulasten einer gründlichen Analyse der Lage: Das Gehirn "schießt", bevor es nachdenkt.

Ein solcher Mensch neigt kaum dazu, seine Umgebung vorbehaltlos zu erkunden. Für den Wissenserwerb ist dieser Mechanismus daher eher nachteilig: Wer sich ständig bedroht fühlt, kann kaum lernen, sich nicht gut konzentrieren. Neugier, Wissensdrang, Bereitschaft für Neues sind damit schlecht zu vereinbaren.

Deutlich beeinträchtigt ist oft auch das Arbeitsgedächtnis. Die Kinder sind zwar an die Situation in der Familie gut angepasst, "später im Beruf haben sie aber ein Problem, wenn sie hochfunktional sein sollen und ihre Aufmerksamkeit steuern müssen, ohne ständig auf vermeintliche Bedrohungen zu reagieren", so Elbert im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Der Psychologe versucht bei Projekten in Entwicklungsländern wie Tansania, Eltern und Lehrern klar zu machen, dass sie sich und ihrer Gesellschaft nichts Gutes tun, wenn sie Kinder mit Gewalt erziehen.

Nachteile für Migranten?

Migranten, die aus Kulturkreisen kommen, in denen Kinder noch oft geschlagen werden, müssen auch aus diesen Gründen in Europa mit deutlichen Nachteilen rechnen: Benötigt werden auf dem Arbeitsmarkt Menschen mit starkem Arbeitsgedächtnis, guter Emotionsregulation, Lernwillen und Neugier.

"Die darf ich den Kindern nicht rausprügeln, sonst haben sie in dieser Gesellschaft keine Chance."

Sind die belastenden Erfahrungen nicht allzu gravierend, bietet ein Gehirn, das auf Gefahr und Bedrohung ausgerichtet ist, seinen Besitzern durchaus auch in anderen Bereichen Vorteile. So können solche Menschen oft Stimmungen und soziale Signale besser erkennen als andere - etwa weil sie lernen mussten, wann der betrunkene Vater eine Gefahr darstellt.

Bei starken Missbrauchs- und Gewalterfahrungen in der Kindheit drohen jedoch psychische Probleme wie eine Borderline-Störung, Depression, Alkohol- und Drogenkonsum oder eine posttraumatische Belastungsstörung.

Dies, so Elbert, ist vor allem dann der Fall, wenn die Stresserfahrung früh oder gar schon im Mutterleib beginnt.

[06.05.2016, 14:59:02]
Dipl.-Psych. Antje Kräuter 
stimme voll zu
Auch ich kann sowohl den Artikel als auch Ihren Kommentar, Herr Hürten, bestätigen. Wir müssen die frühen Verletzungen heilen, was heute u.a. mittels moderner Traumatherapietechniken gut möglich ist. Zusätzlich muss die Selbstannahme der Patienten gestärkt werden u.v.m.
Auch ich beklage zutiefst die gesellschaftliche bzw. Medien-Ignoranz dieser therapeutischen Erfolge und die Nichtbereitschaft, dazu Studien durchzuführen bzw. sie zu veröffentlichen. Das Bewusstsein, dass körperliche Prozesse von der gefühlsmäßigen Verfassung abhängen, ist noch wenig akzeptiert. Doch gab es bereits 2004 ein ganzes Psychological Bulletin (die bedeutendste psychologische Fachzeitschrift der Welt) mit relvanten Studien dazu! Dort beschrieb man bereits den "sozialen Schmerz" gehirntechnisch mit seinen Auswirkungen. zum Beitrag »
[06.05.2016, 10:19:58]
Clemens M. Hürten 
Volle Zustimmung! - Erkenntnisse in meiner Praxis ständig bestätigt
In meiner Praxis für Beratung & Psychotherapie finde ich das, was in diesem Beitrag vorgestellt und beschrieben wird, ständig bestätigt! Zudem entspricht es meiner eigenen Lebenserfahrung als Kind und Jugendlicher, der psychischer und körperlicher Gewalt der Eltern ausgesetzt war.

Mich wundert allerdings, was an diesen Erkenntnissen neu sein soll. Viel wichtiger wäre doch, dass diese Erkenntnisse endlich in dem nötigen Umfang und mit Nachdruck in die therapeutischen Fachbücher aufgenommen werden müssen!

Außerdem sehe ich hier ein Erklärungsmodell für die Entstehung psychischer Probleme, das einen genetischen Einfluss nicht nur einseitig von Erbfaktoren abhängig sieht, sondern von den Lebensumständen der Mütter bzw. der Eltern. Wird (wie auch heute leider noch üblich) mit reinen Erbfaktoren argumentiert, leiten sich fast zwangsläufig daraus hirnorganische „Anormalitäten” ab, die zu den bekannten Serotonin- und Dopamin-Hypothesen führen und dann eine für die Pharma-Industrie lukrative Einnahmequelle darstellen.
Die typische psychiatrische Lehrmeinung halt.

Verfolgt man hingegen die hier im Beitrag vorgestellte Sichtweise mit der erforderlichen Konsequenz, so ergeben sich daraus Forderungen an die Politik, die gesellschaftlichen Verhältnisse so zu verändern, dass Mütter (und alle Menschen) endlich ohne Existenzängste leben können. Eine Lösung wäre z.B. die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommen.
Man muss sich einmal sämtliche Konsequenzen auf die psychische Gesundheit der Menschen ausmalen, die ein Bedingungsloses Grundeinkommen mit sich bringen würde: zig Milliarden Euro könnten im Gesundheitsbereich eingespart werden, weil die Menschen kaum noch Gründe hätten, ihr Leid in Form von Depressionen, Ängsten oder sonstigen Symptomen zum Ausdruck zu bringen!

Allerdings würden die Profiteure des gegenwärtigen Systems ihre Märkte verlieren. Und die Herrschenden würden ihre Macht über die Menschen verlieren, weil diese finanziell nicht mehr erpressbar wären und über das Geld in Existenzangst versetzt werden können. Das hätte allerdings zwangsläufig auch die Beseitigung des kapitalistischen Systems zur Folge!

Existenzängste, wie in unserem jetzigen System zunehmend verbreitet, lassen in den Menschen oft eine derartige Spannung entstehen, dass sie diese Spannung in Form von Gewalt abführen. Und leider trifft diese Gewalt oft die Familienmitglieder.

Ich bin daher der Ansicht, dass jede ursächliche und konsequent zu Ende gedachte Psychotherapie letztlich auch in der Systemkritik enden muss. Denn die Lebensumstände der Menschen sind der wichtigste Faktor, der die psychische Gesundheit beeinflusst!

Clemens M. Hürten
Heilpraktiker der Psychotherapie zum Beitrag »

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