Ärzte Zeitung, 12.08.2016

Hirn außer Lot

Lust auf Kot

Verschlingt jemand die eigenen Exkremente, hat wohl die Amygdala einen Schaden. Am häufigsten lösen Demenz und Hirntumoren eine Koprophagie aus. Wie lässt sich das Verhalten stoppen?

Von Thomas Müller

Lust auf Kot

Bei Demenzpatienten mit Koprophagie ergab die Bildgebung eine mediale Temporallappenatrophie.

© CLIPAREA.com / fotolia.com

ROCHESTER. Ekel ist ein tief verwurzeltes Schutzprogramm, es soll uns vor Gesundheitsgefahren bewahren. Riecht oder schmeckt etwas widerlich, kann es kaum gesund sein.

Ist das Ekelgefühl ausgeschaltet, muss schon ein essenzieller Teil des Gehirns defekt sein. Genau das ist offenbar bei Personen der Fall, die nicht davor zurückschrecken, ihren eigenen Kot zu essen.

Hier lässt sich meist eine mediale Temporallappenatrophie oder -läsion feststellen, berichten Neurologen von der Mayo Clinic in Rochester.

Ein Team um Dr. Keith Josephs hat die Datenbank der Klinik nach Patienten durchforstet, bei denen eine Koprophagie notiert worden war. Insgesamt trat dieses Problem bei zwölf Erwachsenen im Laufe von 20 Jahren auf, sechs davon waren Männer (J Neurol 2016; 263(5): 1008-1014).

Die Hälfte hat eine Demenz

Die Hälfte der Betroffenen hatte eine Demenzdiagnose. Bei einem 20-Jährigen war zuvor ein frontaler Hirntumor entfernt worden und als Komplikation ein Infarkt der vorderen Zerebralarterie aufgetreten.

Bei einem weiteren Hirntumorpatienten dürfte eine Steroidpsychose zu dem Verhalten beigetragen haben, ein anderer Patient hatte nach multiplen Infarkten schwere epileptische Anfälle entwickelt, einer litt an tuberöser Sklerose.

Nur bei zwei Betroffenen zeigten sich in der zerebralen Bildgebung keine Auffälligkeiten – sie hatten jedoch geistige Behinderungen, Epilepsien und/oder Psychosen.

Begleitet wurde die Koprophagie häufig von einem Verschmieren des Stuhls, aggressivem Verhalten, sexueller Hyperaktivität oder dem Verlangen, jegliche Art von Gegenständen zu verschlingen. Ein Patient gab an, er wollte sich mit seinem Kot umbringen.

Bei den Demenzpatienten zeigte sich in der Bildgebung durchweg eine moderate bis schwere mediale Temporallappenatrophie, auch der Frontallappen war geschrumpft, wenngleich deutlich weniger. Bei drei von ihnen hatten die US-amerikanischen Wissenschaftler eine frontotemporale Demenz diagnostiziert, die übrigen zeigten Symptome einer Alzheimerdemenz.

Die Neurologen um Josephs gehen davon aus, dass bei den Demenzpatienten infolge der medialen Temporallappenatrophie auch die Amygdala geschädigt wurde. Damit fehlt möglicherweise das Ekel- und Angstgefühl, das normalerweise eine Koprophagie verhindert. In diese Richtung deuten auch Primatenexperimente: Durch gezielte Amygdalaläsionen lässt sich die Koprophagie induzieren.

Extremer Stress

Für einen Schaden im Mandelkern spricht auch die fehlende Angst bei vielen der Patienten. Ein Patient mit Hirntumor wollte aus einem fahrenden Autos springen, eine demenzkranke Frau warf sich immer wieder aus dem Rollstuhl.

Bei der Therapie ließen die Ärzte kaum ein Psychopharmakon aus: Sie probierten Benzodiazepine, diverse Klassen von Antidepressiva und Antikonvulsiva, doch nur mit Haloperidol (1-3 mg/d) konnten sie die Koprophagie beenden.

Das Antipsychotikum wurde vier der Patienten verabreicht, alle vier hatten auf diese Behandlung angesprochen Mit Quetiapin hatten die Ärzte hingegen keinen Erfolg, ebenso wenig mit einem der anderen Präparate.

Bei dem Patienten mit Steroidpsychose ging der Appetit auf den eigenen Kot zurück, nachdem die Dexamethason-Dosis gesenkt wurde. Bei einem anderen versuchten es die Therapeuten, indem sie ihn in einen einteiligen Anzug inklusive Fausthandschuhe steckten. Der Patient zerbiss jedoch die Fäustlinge und fuhr mit seinem Verhalten fort.

Rascher Therapieerfolg ist wichtig

Nach den bislang eher dürftigen Erkenntnissen sei noch am ehesten Haloperidol als Therapeutikum vorzuschlagen, schreiben die US-Neurologen. Ein rascher Therapieerfolg sei jedoch äußerst wichtig, da die Koprophagie extremen Stress unter den Betreuern verursacht.

Josephs und Mitarbeiter weisen außerdem auf die Gefahren für die Patienten hin: Es seien durchaus schon Todesfälle nach Verzehr der eigenen Exkremente beschrieben worden.

[16.08.2016, 08:51:58]
Wolfgang Ebinger 
Ach, Herr Thomas Georg Schätzler,
wie froh kann die Ärztezeitungsleserschaft doch sein, dass es noch Personen gibt, die aber auch gegen jeden Ball vor ihren Füßen treten. Das gibt immer wieder Grund zu ausgelassener Heiterkeit. Nicht zuletzt macht aber auch gerade DAS die Ärztezeitung zu einem interessanten Medium.

Dennoch ist es nicht verwunderlich, dass sich auch Ihr gesunder Menschenverstand gegen einen derartigen Gedanken sträubt. Um so erstaunlicher ist es jedoch, dass solcher und ähnlicher Leer-Inhalt mittlerweile in allen Schulbüchern steht. Und auch Ihre Kinder - so Sie dankbar sein dürfen, welche zu haben - werden mit diesem Gedanken"gut" gefüllt - was Sie so vehement und intellektuell großherzig verständlicherweise ablehnen. Insofern scheint sich die von Ihnen aufgezeigte "Verhaltensmodifikation" der Koprophagie im Bildungsbereich unserer westlichen Welt auf geistiger Ebene zu vollziehen...

Vielleicht wäre eine kritische Bemerkung an einflussreicherer Stelle angebracht, als auf einen spöttischen Kommentar zu reagieren. zum Beitrag »
[12.08.2016, 23:47:53]
Thomas Georg Schätzler 
Ach, Herr Wolfgang Ebinger,
Ihr Kommentar hat uns gerade noch gefehlt! Da fehlt doch nur der Hinweis des französischen Cartoonisten Sempé: "Esst Scheiße, zehn Milliarden Schmeißfliegen können nicht irren!"

Und wenn "wir neulich im Zoo waren", wie Sie selbst zu formulieren pflegten, sollten "wir" auch darüber nachdenken, dass die artefizielle Zoo-Tierhaltung zu Verhaltensmodifikationen auch bei üblicherweise nicht Aas- und Kot-fressenden Tieren führen könnte.

Man muss daraus nicht gleich eine "Koprophagie-Ideologie" machen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[12.08.2016, 08:46:01]
Wolfgang Ebinger 
Alles ok
"Die Stammesgeschichte des Menschen begann nach heutiger Auffassung mit der Aufspaltung der letzten gemeinsamen Vorfahrenpopulation der Schimpansen und des Menschen. Diejenige der beiden Teilpopulationen, aus der die Menschen hervorgingen, sowie alle ihre ausgestorbenen und noch lebenden Nachfahren werden als Hominini bezeichnet."
(Quelle: https://de.wikipedia.org)

Als wir neulich im Zoo waren, beobachteten wir Koprophagie bei den Schimpansen. Dem Eintrag in Wikipedia zufolge müssten wir die oben beschriebenen Fälle von menschlicher Koprophagie als bereichernde Überbleibsel eines völlig normalen Vorgangs betrachten, der uns dankenswerterweise - zumindest in unserer aufgeklärten Welt - schon in der Schule als die "menschliche Entwicklungsgeschichte" beigebracht wurde.
Was soll also die ganze Aufregung - und vor allem: weshalb sollte man diese (mit Verlaub) "Vorstufen des modernen Menschen" als neuro-psychiatrische Krankheitsfälle medikamentös therapieren? Sie sind Studienobjekte, von denen wir eine Menge zu unserer möglicherweise millionen Jahre alten Vergangenheit lernen können!
Sollten wir nicht vielmehr dankbar sein, solche Gelegenheiten zu bekommen? zum Beitrag »

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