Ärzte Zeitung, 02.09.2016

Studie zeigt

Das macht Menschen gewalttätig

Nach einem Trauma oder Drogenkonsum ist die Gewaltbereitschaft eines Menschen erhöht. Dass gilt längst nicht nur für psychisch Kranke, ergab jetzt eine Studie.

Von Christine Starostzik

Das macht Menschen gewalttätig

Nach traumatischen Erlebnissen können auch gesunde Menschen gewaltbereiter sein.

© frenzelll / fotolia.com

OXFORD. Die Bereitschaft zur Gewaltkriminalität ist bei Patienten mit psychotischen Störungen generell höher als in der Allgemeinbevölkerung. Erhöhte Impulsivität, Feindseligkeit und die Verweigerung der Medikation sollen hierfür verantwortlich sein.

Doch gibt es zusätzliche Auslöser, die diese Menschen zu kriminellen Taten veranlassen? Und fällt die Reaktion auf verschiedene äußere Trigger möglicherweise stärker aus als bei psychisch gesunden Durchschnittsbürgern?

Diesen Fragen sind Dr. Amir Sariaslan von der Universität Oxford und Kollegen jetzt nachgegangen (JAMA Psychiatry 2016; 73 (8):796-803). Hierzu entnahmen sie dem nationalen schwedischen Patientenregister Daten von 34.903 Personen mit Schizophrenie-Spektrum-Störungen, 29.692 Patienten mit bipolaren Störungen und 2.763.012 Kontrollpersonen ohne psychische Erkrankungen.

In jeder Gruppe identifizierten Sariaslan und Kollegen die Personen, die einem der folgenden Trigger ausgesetzt gewesen waren: Opfer einer Gewalthandlung, Verlust der Eltern, Selbstverletzung, Hirntrauma, unbeabsichtigte Verletzungen, Drogen- oder Alkoholintoxikation.

Danach verglichen sie mittels logistischer Regression das postexpositionelle Risiko, gewalttätig zu werden, mit der Gewaltbereitschaft in einem entsprechenden triggerfreien früheren Zeitraum, der als Kontrollperiode festgelegt wurde.

Gewaltrisiko bei allen gestiegen

In allen Gruppen zeichnete sich in der Woche nach einem Triggerereignis eine erhöhte Gewaltbereitschaft ab. Die meisten Kriminaltaten wurden verübt, wenn der Täter in der Woche zuvor selbst ein Gewalterlebnis hatte.

Die Rate reichte von 70/10.000 Personen in der Kontrollgruppe über 83/10.000 in der Gruppe mit bipolaren Störungen bis zu 177/10.000 bei Patienten mit Schizophrenie-Spektrum-Störungen.

In den jeweiligen triggerfreien Kontrollperioden dagegen wurden lediglich 9/10.000 beziehungsweise 13/10.000 beziehungsweise 22/10.000 Personen kriminell.

Auch nach Berücksichtigung zahlreicher Störfaktoren blieb die erhöhte Gewaltbereitschaft nach allen untersuchten Triggern bestehen.

Die Autoren berechneten für die einzelnen Auslösefaktoren folgende adjustierten Risiken für eine Gewalttat in der darauffolgenden Woche gegenüber einem vergleichbaren Zeitraum ohne besondere Ereignisse: eigene Gewalterfahrung: adjustierte Odds Ratio, aOR 7,6-12,7; traumatische Hirnverletzung: aOR 4,2-6,7; unbeabsichtigte Verletzungen: aOR 3,5-4,8; Selbstverletzungen: aOR 3,9-4,2; Substanzintoxikation: aOR 3,0-4,0; Elternverlust: aOR 1,7-5,0.

Protektives Familiennetz

Beim relativen Risiko für eine erhöhte Gewaltbereitschaft nach einem Trigger ergaben sich bis auf eine Ausnahme allerdings keine nennenswerten Unterschiede zwischen psychisch kranken Patienten und Studienteilnehmern aus der Kontrollgruppe.

Nur der Verlust der Eltern hatte bei Patienten der Schizophrenie-Gruppe deutlich stärkere Auswirkungen als bei psychisch gesunden Teilnehmern.

Erstere waren in der Woche nach dem Ereignis um ein Fünffaches gewaltbereiter als in triggerfreier Zeit, während in der Kontrollgruppe die aOR nur bei 1,7 lag. Möglicherweise werde hier die protektive Wirkung eines sozialen Netzes aus Familienmitgliedern und Freunden gegen Gewalt erkennbar, vermuten Sariaslan und Kollegen.

Kurzfristiger Effekt

In allen Gruppen hielt der Triggereffekt kaum länger als eine Woche an. Bei den Patienten mit Schizophrenie, bipolaren Störungen und in der Kontrollgruppe war die Gewaltbereitschaft in der zweiten Woche nach dem Ereignis bereits wieder nahezu auf das Ausgangsniveau ruhiger Zeiten zurückgefallen.

Die Untersuchung mache deutlich, so die Autoren, dass Interventionen zur Gewaltreduktion nach einem Unfall oder Drogenrausch nicht nur für psychiatrische Patienten, sondern für jeden sinnvoll seien.

Die hier gesehene kurzfristige Risikoerhöhung könne allerdings Grundlage prophylaktischer Bemühungen sein, um das Risikomanagement bei ohnehin stärker gefährdeten psychotischen Patienten zu verbessern.

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