Studie

Kognitive Störungen deuten auf ein erhöhtes Sterberisiko

Patienten über 75 Jahre, bei denen kognitive Beeinträchtigungen neu auftreten, haben ein höheres Sterberisiko als Patienten ohne solche Defizite. Das hat eine deutsche Längsschnittstudie ergeben.

Von Moritz Borchers Veröffentlicht:
Kognitiv beeinträchtigte Patienten können nicht so zuverlässig an der Behandlung mitwirken. Ein Grund für die erhöhte Sterblichkeit?

Kognitiv beeinträchtigte Patienten können nicht so zuverlässig an der Behandlung mitwirken. Ein Grund für die erhöhte Sterblichkeit?

© Alexander Raths / fotolia.com

LEIPZIG. Ältere Patienten mit neu diagnostizierten kognitiven Einschränkungen haben ein 42 Prozent höheres Risiko, im nachfolgenden Beobachtungszeitraum (im Mittel 8,0 Jahre) zu sterben, als unbeeinträchtigte Patienten (Hazard Ratio [HR] 1,42). Bei Patienten mit schweren kognitiven Beeinträchtigungen ist das Sterblichkeitsrisiko sogar um 75 Prozent erhöht (HR 1,75).

Längsschnittstudie AgeCoDe

Das sind die Ergebnisse einer Auswertung der Längsschnittstudie AgeCoDe, die ein Team um Tobis Luck vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Leipzig, durchgeführt hat (J Am Geriatr Soc 2016; online 19. Dezember). Kognitiv beeinträchtigte Teilnehmer waren in dieser Untersuchung älter, hatten häufiger eine mittlere oder hohe Bildung, waren öfter funktional eingeschränkt, zeigten häufiger depressive Symptome, und in ihren Krankengeschichten waren mehr Schlaganfälle oder transitorische ischämische Attacken verzeichnet. Auch entwickelte sich bei mehr Teilnehmern in der Gruppe der kognitiv beeinträchtigten Patienten nach der ersten Follow-up-Messung eine Demenz als bei den nicht beeinträchtigten Teilnehmern (23,0 versus 15,4 Prozent).

Zwar habe es bereits in anderen Studien Hinweise auf einen Zusammenhang von kognitiven Beeinträchtigungen und erhöhter Sterblichkeit gegeben, wie die Forscher in ihrer Einleitung schreiben. Solche Zusammenhänge seien aber zumeist retrospektiv erfasst worden, was ein gewisses Ungenauigkeitsrisiko berge. Für die aktuelle Analyse haben Luck und Kollegen daher auf Daten von 2089 Patienten im Alter über 75 Jahre zurückgegriffen, die im Rahmen der Studie AgeCoDe prospektiv erhoben worden waren. Der Anteil der Frauen betrug 64,4 Prozent.

Für die Erklärung des Zusammenhangs zwischen kognitiven Einschränkungen und erhöhter Mortalität diskutieren die Wissenschaftler um Luck verschiedene Ansätze: Kognitive Defizite könnten etwa Ausdruck einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes sein, die wiederum mit erhöhter Sterblichkeit einhergeht. Daneben sei aber auch denkbar, dass die Sterblichkeit ansteigt, weil Patienten aufgrund der kognitiven Beeinträchtigung mehr Unfälle haben oder weniger zuverlässig an einer medizinischen Behandlung mitwirken. Eine genaue Abklärung möglicher Gründe erfordere weitere Untersuchungen .

Im Mittel achtjähriges Follow-up

In die Aanalyse gingen die Daten von Patienten ein, die zum Zeitpunkt der Basismessung weder dement noch kognitiv beeinträchtigt gewesen waren. Untersucht wurde dann das Sterblichkeitsrisiko über einen im Mittel achtjährigen Follow-up-Zeitraum. Dafür verglichen die Wissenschaftler um Luck solche Teilnehmer, die 18 Monate nach der Basismessung zum ersten Follow-up-Zeitpunkt als kognitiv beeinträchtigt identifiziert wurden, mit jenen, die keine kognitiven Einschränkungen aufwiesen. Teilnehmer, bei denen beim ersten Follow-up eine manifeste Demenz festgestellt worden war, wurden ausgeschlossen. Die diagnostischen und soziodemografischen Daten erfassten Luck und Kollegen mithilfe strukturierter (klinischer) Interviews.

Patienten von Hausärzten rekrutiert

Die Studienstichprobe der AgeCoDe besteht aus Patienten, die von ihren Hausärzten in Zusammenarbeit mit sechs Studienzentren in Deutschland rekrutiert worden sind. Die Patienten sind zwischen 2003 und 2014 im Rahmen einer Basismessung und zu sechs Follow-up-Messzeitpunkten alle anderthalb Jahre untersucht worden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar auf Seite 2

75%

um so viel höher war das Sterblichkeitsrisiko für Patienten mit schweren kognitiven Beeinträchtigungen verglichen mit Patienten ohne Beeinträchtigungen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Potenzielle Schäden durch eine Influenza-Infektion an verschiedenen Organsystemen

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3, 17–19]

Impfen und Herzgesundheit

Mehr als nur Grippeschutz: Warum die Influenza-Impfung bei Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen so wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Frankfurt a. M.
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps