Ärzte Zeitung, 08.12.2004

HINTERGRUND

Märsche bei Tageslicht plus 2500 Lux helfen gegen Winterdepression

Lichttherapie über mindestens eine Woche hilft gegen Winterdepression. Die Lampen sollten mindestens 2500 Lux Leistung haben. Foto: dpa Die "tiefe Schwermuth" im Winter haben Psychiater schon vor 150 Jahren beschrieben. Foto: DAK

Von Thomas Meißner

Es sind eben nicht nur die Schokoladen-Weihnachtsmänner, die den eigenen Kohlenhydrat-Verbrauch spätestens seit Anfang Oktober deutlich in die Höhe schnellen lassen. Nein, in Wirklichkeit wollen wir uns wohl unbewußt ein Fettpolster anfressen und uns dann zur Ruhe begeben, zur Winterruhe - bis zum Frühjahr.

Leider geht das nicht. Während Feldhamster und Igel auf die Zeichen der inneren Uhr hören, und sich im Herbst auf den Winterschlaf vorbereiten, malocht der gemeine Mitteleuropäer weiter und träumt, besonders im trüben November, vom sonnigen Süden oder Alpenaufenthalten oberhalb der Wolkendecke. Die Sehnsucht nach Licht kommt nicht von ungefähr.

Deutliche Unterschiede zu anderen Depressionsformen

Der Mangel an natürlichem Tageslicht gilt als Hauptursache für eine Winterdepression, auch bekannt als Lichtmangel-Depression, Seasonal Affective Disorder (SAD) oder saisonal rezidivierende depressive Störung. Eine Störung, die sich in der Symptomatik grundsätzlich von der üblichen Depression unterscheidet.

"Ich bin etwas unglücklich darüber, daß beide Krankheitsbilder im Topf Depression gelandet sind", sagt der Berliner Psychiater Dr. Dieter Kunz. Denn im Unterschied zu anderen Depressionsformen leiden Betroffene vor allem unter dem verstärkten Schlafbedürfnis. Trotz durchschlafener Nacht sind sie auch tagsüber müde, energie- und antriebslos sowie ständig gedrückter Stimmung. Statt Appetitlosigkeit, wie bei der Major Depression, haben sie vermehrt Heißhunger auf Süßes.

Krankhafte Störung bei drei bis fünf Prozent der Bevölkerung

Das soll krankhaft sein? Bei drei bis fünf Prozent der Bevölkerung ja, meint Kunz. Das Problem: Die Leute gehen nicht zum Arzt, schon gar nicht zum Nervenarzt, weshalb viele niedergelassene Psychiater sagen würden: Saisonale depressive Störungen, die gibt es gar nicht!

"Die Betroffenen kennen das Phänomen spätestens seit ihrer Pubertät und sehen die Symptome im Herbst als völlig normal an", so Kunz. Hausärzten rät der Psychiater vom St.-Hedwig-Krankenhaus der Charité, vor allem auf Patienten zu achten, von denen depressive Verstimmungen bekannt sind. Bei diesen lohne es sich, die genannten Symptome der Winterdepression gezielt abzufragen.

Bekannt ist die Winterdepression seit der Antike. Der Ulmer Psychiater Professor Volker Faust verweist auf den deutschen Psychiater Wilhelm Griesinger und seinen französischen Kollegen Jean Etienne Esquirol, die vor 150 Jahren die "tiefe Schwermuth" beschrieben haben, welche sich im Winter einstelle und im Frühling in Manie übergehe. Das National Institute of Mental Health (NIMH) in den USA hat vor 20 Jahren diagnostische Kriterien zur Winterdepression erarbeitet, die in die Klassifikation der American Psychiatric Association (APA) und das DSM-Manual eingingen. Dennoch sei das Phänomen bei Ärzten weithin unbekannt, meint Faust.

Zur Therapie empfiehlt er die Lichttherapie mit Speziallampen, die mindestens 2500 Lux abgeben (ein Lux = Lichtstärke einer Kerze), über mindestens eine Woche, eher länger. Auch regelmäßige körperliche Aktivität habe eine gewisse antidepressive und angstlösende Wirkung. Insofern ist der mindestens einstündige "Gesundmarsch bei Tageslicht" die einfachste Maßnahme gegen Winterdepression, eventuell in Kombination mit Lichttherapie.

Hilft das nicht, rät Kunz nachzuschauen, ob die Diagnose stimmt. Nach Fausts Erfahrung komme man bei vielen Patienten nicht um eine Pharmakotherapie herum. Er rät dann zu Antidepressiva wie Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Werden keine synthetischen Mittel gewünscht, komme auch Johanniskraut in Frage, allerdings gebe es für die Indikation Winterdepression keine wissenschaftlichen Belege der Wirksamkeit. Zu beachten ist, daß manche Antidepressiva und auch Johanniskraut die Lichtempfindlichkeit erhöhen können.

Lichttherapie-Geräte im Vergleich: www.warentest.de

STICHWORT

Winterdepression

Biologischen Abläufe bei Menschen haben einem 24-Stunden-Rhythmus. Dieser Rhythmus wird durch äußere Reize wie die Dauer des Tageslichts beeinflußt, so daß es auch zu jahreszeitlichen Veränderungen kommen kann, so der Ulmer Psychiater Professor Volker Faust. Seelische Störungen wie Manie und Depression seien unter anderem auf eine innere Desynchronisation des Biorhythmus zurückzuführen, was die jahreszeitliche Häufung erkläre. Nach Angaben von Dr. Dieter Kunz aus Berlin erfolge die Messung der Tageslänge bei Menschen über spezifische, nicht-visuelle Rezeptoren der Netzhaut. Der antidepressive Effekt von Licht wird offenbar über diese Rezeptoren vermittelt, wobei ein Lichtspektrum von 480 bis 520 nm (blau) essentiell ist. (ner)

Weitere Informationen unter : www.volker-faust.de

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