Ärzte Zeitung, 02.02.2005

HINTERGRUND

Viele alte Menschen besuchen vor dem Suizid ihren Hausarzt - eine gute Chance, den Freitod zu verhindern

Fehlen bei alten Menschen soziale Kontakte oder bekommen sie schwere Erkrankungen, steigt die Suizidgefahr. Foto: PhotoDisc

Von Philipp Grätzel von Grätz

Je mehr unsere Gesellschaft altert, umso stärker rückt ein Problem in den Vordergrund, das bisher wenig beachtet wurde: Der Suizid von alten Menschen. Macht der Freitod junger Menschen noch häufig Schlagzeilen und provoziert im besten Fall ein Nachdenken über die Lebensbedingungen und das soziale Umfeld der Betroffenen, so wird dieselbe Handlung bei alten Menschen gerne vertuscht.

    Vor allem bei alten Männern ist die Gefahr eines Suizides sehr hoch.
   

Dabei ist das Ausmaß des Problems groß: Die Weltgesundheitsorganisation WHO weist darauf hin, daß die Prävalenz von Suiziden weltweit mit dem Alter kontinuierlich ansteigt, von etwa 19 Suiziden pro 100 000 Menschen pro Jahr bei jungen Erwachsenen auf 56 bei über 75jährigen.

Auch in Deutschland ist nach Angaben des Nationalen Suizid-Präventionsprogramms die Suizidrate bei über 60jährigen mehr als doppelt so hoch wie bei jungen Erwachsenen und steigt bei noch älteren Menschen rasant an: Von den über 85jährigen Männern töten sich etwa 110 von 100 000 pro Jahr, bei den 20 bis 25 jährigen sind es etwa 18 von 100 000. Bei Frauen steigt die Rate von etwa zehn bei jungen Frauen auf über 40 pro 100 000 bei den mehr als 85jährigen.

Alten Menschen gelingt der Suizid häufiger als jungen

Wesentlich geringer als bei jungen Menschen ist dagegen die Häufigkeit von Suizidversuchen bei alten Menschen. Anders ausgedrückt: Jeder vierte alte Mensch, der sich versucht umzubringen, schafft das auch. Bei jungen Erwachsenen kommen auf jeden Suizid dagegen 40 bis 200 Suizidversuche, heißt es in einer Analyse von Studien zum Suizid bei alten Menschen, die vor kurzem in der Fachzeitschrift "British Medical Journal" erschienen ist (329, 2004, 895). Auch die Suizidmethoden sind bei alten Menschen zum Teil anders als bei jungen Menschen. So verweigern alte Menschen häufig die Nahrungsaufnahme.

Doch es gibt Chancen, die Suizidgefahr bei alten Menschen rechtzeitig zu erkennen. "Viele alte Menschen, die sich umbringen, kommen kurz vor dem Suizid noch zum Hausarzt", weiß Professor Armin Schmidtke von der Abteilung für Klinische Psychologie der Universität Würzburg. Einen eindeutigen Marker für die Suizidgefährdung gibt es bekanntlich nicht.

Doch bestimmte Muster gebe es schon: "Den Satz, ich habe keine Lust mehr zu leben, hören wir sehr oft", so Schmidtke im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Gerade bei männlichen Patienten kann auch ein ungewohntes, aggressives Verhalten oder eine betonte Lustlosigkeit ein Hinweis auf eine Suizidgefahr sein". Verluste von Angehörigen oder der Rückzug der Kinder sind häufige Auslöser einer akuten Krise.

Die meisten Menschen, die Suizid begehen, haben auch eine psychische Erkrankung. Nach Angaben der Autoren des genannten Beitrags im "British Medical Journal" hatten mehr als 70 Prozent der älteren Suizidopfer zum Zeitpunkt des Todes eine schwere psychische Störung - meist eine Depression. Alkoholmißbrauch erwies sich als weiterer Prädiktor für die Suizidgefahr bei alten Patienten: Jedes dritte männliche und jedes fünfte weibliche Suizidopfer war alkoholabhängig.

Daten aus Fallkontrollstudien zeigen zudem, daß auch Patienten mit körperlichen Beschwerden ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko haben.

Für die ärztliche Praxis hat gerade dieser Punkt unmittelbare Konsequenzen: Bei alten Menschen, die über körperliche Beschwerden klagen und denen es zudem spürbar an Lebensfreude mangelt, sollte außer einer körperlichen auch eine psychiatrische Anamnese erfolgen. "Besteht die Gefahr eines Suizids, dann ist es entscheidend, das Thema auch anzusprechen", so Schmidtkes Empfehlung. Dadurch werde ein Tabu gebrochen, was Erleichterung schaffen kann.

Psychotherapie hilft auch alten Menschen mit Depressionen

Besteht der Verdacht auf eine psychische Erkrankung, dann sollten Fachkollegen hinzugezogen werden, denn auch alte Patienten mit Depressionen und Suizidgefahr lassen sich behandeln. Und damit lassen sich auch Suizide vermeiden. "Es ist ein Märchen, daß Psychotherapien oder medikamentöse Behandlungen bei alten Menschen nichts mehr bringen", sagte Schmidtke.

Um die Problematik stärker ins Bewußtsein der Öffentlichkeit zu bringen, arbeitet eine Arbeitsgruppe unter dem Dach des Nationalen Suizid-Präventionsprogramms gerade an umfangreichem Aufklärungsmaterial. Außerdem werden Schulungsprogramme entwickelt, um vor allem Pflegekräften in Altenheimen zu helfen, die Suizidgefahr bei Heimbewohnern zu erkennen.

FAZIT

Bei alten Menschen ist die Suizidrate wesentlich höher als bei jungen. Gefährdet sind vor allem Männer über 75, bei ihnen ist die Suizidrate mehr als doppelt so hoch wie bei gleichalten Frauen. Alkoholmißbrauch kann ebenso auf eine erhöhte Suizidgefahr deuten wie Klagen über körperliche Erkrankungen. Bei solchen Patienten lohnt es sich, gezielt nach Suizidgedanken zu fragen. Suizidgefährdete Patienten benötigen stets professionelle Hilfe.

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