Ärzte Zeitung, 02.02.2005

KOMMENTAR

Lebensrettendes Fingerspitzengefühl

Von Thomas Müller

Ein Indianer kennt keinen Schmerz - auch keinen psychischen. Diese Einstellung ist bei vielen alten Menschen tief verwurzelt. Von über 70jährigen darf man noch weniger als von jungen Menschen erwarten, daß sie offen Schwächen zeigen. Viele haben gelernt, im Stillen zu leiden und werden daher kaum über Selbsttötungs-Absichten reden. Umso wichtiger ist es, daß Ärzte mit viel Fingerspitzengefühl das Thema ansprechen, sobald sie einen Verdacht haben.

Solche Gespräche können sehr befreiend wirken, und sie können Patienten vom Suizid abhalten. Das hat nicht zuletzt das Nürnberger Bündnis gegen Depression belegt: Nachdem Ärzte, Lehrer und Polizisten in Nürnberg gezielt über Depressions-Symptome und Therapiemöglichkeiten informiert worden waren, sank dort die Suizidrate in zwei Jahren um 20 Prozent. Hier bieten sich vor allem für Hausärzte gute Chancen: Hausärzte gehören gerade bei älteren Menschen oft zu den letzten Ansprechpartnern vor einem Suizid.

Ist die Gefahr erkannt, brauchen die Patienten jedoch professionelle Hilfe. Die ist allen Vorurteilen zum Trotz auch bei alten Menschen gut möglich. Es gibt gute Erfahrungen mit Psychotherapie bei alten Patienten, und auch bei über 75jährigen spricht eigentlich nichts gegen eine Therapie mit Psychopharmaka.

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