Ärzte Zeitung, 06.04.2006

Erfolg bei Modellprojekten läßt Patienten hoffen

Behandlung von Depressiven und Schizophrenen konnte in Hamburg und München verbessert werden

BONN (ric). Die Behandlung von Patienten mit Schizophrenie und Depression kostet jedes Jahr fast sieben Milliarden Euro. Wie die Versorgung schizophrener Patienten verbessert und effizienter werden kann, zeigen zwei Modellprojekte aus Hamburg und München.

Die Behandlungseinheit Schizophrenie (BES) ist ein Modellprojekt der Asklepios Klinik Nord der LBK Hamburg GmbH, das vor rund zwei Jahren gestartet wurde. "Wir haben bei unserem Modell den Patienten in den Mittelpunkt gestellt", erklärte der Ärztliche Leiter der BES Dr. Dietrich Eck bei einer Veranstaltung des Pharmaherstellers Astra Zeneca, der die beiden Modellprojekte unterstützt.

"Die künstlichen Grenzen zwischen stationärem, teilstationärem und ambulanten Sektor wurden aufgelöst: In einem flexiblen Modulsystem werden von ein und demselben Behandlungsteam Angebote aus allen drei Bereichen gemacht. Der Patient kann also zwischen den einzelnen Modulen wechseln, ohne seine Bezugspersonen zu verlieren", berichtet Eck.

Soviel kosten Krankheiten die Volkswirtschaft
Kosten der Behandlung von Patienten mit ausgewählten Erkrankungen (in Millionen Euro im Jahr 2002)
Krankheiten des Kreislaufsystems (Auswahl)
35 354
Hypertonie (Hochdruckkrankheit)
8 123
akuter Myokardinfarkt
1 238
Herzinsuffizienz
2 736
zerebrovaskuläre Krankheiten
7 807
Krankheiten des Verdauungssystems (Auswahl)
31 103
Krankheiten der Mundhöhle, Speicheldrüsen und Kiefer
20 201
Krankheiten des Ösophagus, Magens und Duodenums
2 943
Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems (Auswahl)
25 209
Arthrose
7 188
Dorsopathien
8 404
Rückenschmerzen
3 685
Psychische Krankheiten und Verhaltensstörungen (Auswahl)
22 444
Demenz
5 633
Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
2 756
Depression
4 025
Neubildungen (Auswahl)
14 714
bösartige Neubildungen der Verdauungsorgane
2 780
bösartige Neubildung der Prostata
1 174
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (Auswahl)
12 949
Diabetes mellitus
828
Krankheiten des Atmungssystems (Auswahl)
12 293
akute Infektionen der oberen Atemwege
2 020
Asthma
1 837
Krankheiten des Nervensystems (Auswahl)
10 360
Epilepsie
1 238
Migräne
462
Bestimmte infektiöse und parasitäre Krankheiten (Auswahl)
3 814
infektiöse Darmkrankheiten
653
Mykosen
825
Gesamtausgaben
223 612
Quelle: Statistisches Bundesamt, Krankheitskostenrechnung 2004, Tabelle: ÄRZTE ZEITUNG 
Die Behandlung von Patienten mit psychischen Erkrankungen kostet volkswirtschaftlich betrachtet jährlich über 20 Milliarden Euro.

Wesentlich für den Erfolg sei auch die Einbeziehung des außerklinischen Umfeldes: Hier seien die niedergelassenen Ärzte und die Angehörigen wichtig. "Die Niedergelassenen binden wir mit Supervisionen ein. Das Engagement ist sehr groß, obwohl die Ärzte dafür noch kein Honorar erhalten."

Derzeit liefen jedoch Verhandlungen mit den Kassen, das Projekt als Integriertes Versorgungs-Modell (IV) anerkennen zu lassen. "Wir haben festgestellt, daß die Akzeptanz bei unseren Patienten höher ist, da sie und ihr familiäres Umfeld in die Behandlung eingebunden sind. Rückfälle werden daher seltener", sagt Eck.

Genaue Zahlen gibt es jedoch noch nicht. Das Projekt werde derzeit evaluiert. Die Ergebnisse sollen in eineinhalb Jahren vorliegen. Für das Modell der Psychiatrischen Klinik der TU München, das seit einem Jahr als IV-Projekt läuft, liegen bereits konkrete Zahlen vor.

Es geht dabei vor allem darum, die Compliance schizophrener und depressiver Patienten zu verbessern. "In der Regel setzen 30 Prozent der Patienten ihre Medikamente drei Monate nach der Entlassung aus der Klinik ab, nach einem Jahr sind es sogar 50 Prozent. Und rund 40 Prozent landen binnen eines Jahres wieder in der Klinik", erläuterte Dr. Werner Kissling, Leiter des Centrums für Disease Management an der TU.

Durch acht bis zehn Stunden Psychoedukation jährlich könnte die Aufenthaltsdauer in der Klinik pro Patient um rund 20 Tage pro Jahr gesenkt werden. "Die Kassen geben pro Jahr rund 1250 Euro für jeden unserer Patienten aus, die Einsparungen belaufen sich auf rund 3500 Euro jährlich", so Kissling.

Der Einnahmeüberschuß bescherte niedergelassenen Nervenärzten, die am Projekt beteiligt sind, deutlich höhere Honorare und der Psychiatrischen Klinik bis zu acht zusätzliche Stellen. "Einige Kassen haben angekündigt, unser Modell als Rahmen für Anträge in anderen Regionen bevorzugt zu akzeptieren."

Kissling rief die Psychiater auf, die Möglichkeiten der Integrierten Versorgung besser zu nutzen: "Der Psychiatrie stehen bundesweit bis zu 500 IV-Verträge zu, mit einem Gesamtvolumen von bis zu 140 Millionen Euro. Bislang wurden aber erst 25 Verträge über sieben Millionen Euro geschlossen."

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