Ärzte Zeitung, 12.12.2008

Renaissance der Elektrokrampftherapie - Stromstöße helfen nicht nur Depressiven

Die Elektrokrampftherapie wird in Deutschland weiterhin recht selten angewandt. Dabei gilt sie vielen Psychiatern als eine der wirksamsten Methoden, um Patienten aus dem Stimmungstief zu holen - und das nicht nur als Ultima Ratio.

Von Thomas Müller

Renaissance der Elektrokrampftherapie - Stromstöße helfen nicht nur Depressiven

Modell der Signalübertragung im Gehirn.

Foto: ktsdesign©www.fotolia.de

Patienten mit elektrischen Schocks zu behandeln hat in Deutschland nach wie vor ein schlechtes Image. Die Methode gilt nicht nur bei Laien als brutal und wird mit Gewalt assoziiert, sie stößt häufig auch bei Psychiatern auf Ablehnung - sie halten die Elektrokrampftherapie (EKT) nicht selten für veraltet oder bestenfalls als Ultima Ratio, wenn den Patienten sonst nicht mehr zu helfen ist.

Beim Psychiatrie-Kongress in Berlin versuchten Experten solche Mythen zu widerlegen. Die EKT holt nach Studiendaten mehr als die Hälfte der Patienten aus der Depression, die auf Medikamente nicht oder nicht ausreichend ansprechen, bei Patienten mit Wahnvorstellungen in der Depression sind es sogar über 90 Prozent. Daran hat Professor Here Folkerts von der Psychiatrischen Klinik in Wilhelmshaven erinnert.

Folkerts plädierte auf dem Kongress dafür, die EKT nicht nur bei Patienten anzuwenden, bei denen alle anderen Therapieoptionen versagt haben. Er nannte etwa Beispiele von Patienten, die teilweise über Jahre hinweg stationär erfolglos medikamentös behandelt worden waren und bei denen die Ärzte erst dann eine EKT erwogen hatten. Einige konnten nach wenigen EKT-Sitzungen in Remission nach Hause entlassen werden - eingestellt auf ein Antidepressivum zur Rezidivprophylaxe. Hier hätte auch schon viel früher per EKT behandelt werden können.

Mithilfe der EKT gelang es an der Klinik in Wilhelmshaven auch wieder, eine Frau aus dem Pflegeheim zu holen und soweit zu bringen, dass sie ihren Haushalt führen kann - sie hatte eine stuporöse Depression und war von Angehörigen und Ärzten praktisch aufgegeben worden. Da die EKT bei den Patienten, die auf sie ansprechen, recht schnell wirkt, sei sie auch für akut schwer Erkrankte mit hoher Suizidgefahr geeignet. Das Suizidrisiko lasse sich damit rasch reduzieren, so Folkerts.

Der Psychiater nannte auch Beispiele von Patienten mit bipolarer Erkrankung, bei denen es zu einem häufigen Wechsel von manischen und depressiven Phasen kam - verbunden mit oft langen Klinikaufenthalten. Eine Frau, die seit einem Jahr in einer Klinik war, konnte nach zwei EKT-Serien mit je neun und vier Sitzungen wieder entlassen werden und ist seither weitgehend stabil. Kommt es bei bipolar erkrankten Patienten während der EKT zu einem Wechsel in eine Hypomanie, rät Folkerts zu einer Therapiepause.

Als Indikation für die EKT sieht Folkerts auch eine Schwangerschaftsdepression oder eine postpartale Depression, und zwar dann, wenn die Betroffene aus Sorge um das Kind keine Arzneien nehmen will oder stark suizidgefährdet ist.

Die EKT wirkt bei über 50 Prozent der schwer Depressiven.

Doch nicht nur bei schwerer Depression, auch bei therapieresistenter Schizophrenie lohnt sich ein Versuch: Folkerts nannte als Beispiel einen Mann, der auch nach einjähriger stationärer Behandlung auf verschiedene Antipsychotika nicht angesprochen hatte. Nach 14 EKT-Sitzungen und mit Clozapin-Therapie konnte er entlassen werden.

Der Psychiater warnte jedoch, davor, von der EKT Wunder zu erwarten. Manche Patienten sprechen nicht auf die Therapie an, hier lohnen sich mitunter andere Wege, etwa eine Vagusnervstimulation. Die EKT sei auch kein Allheilmittel: Bei vielen psychischen Erkrankungen gebe es wenig Erfahrung damit, etwa bei Borderline-Patienten oder bei Zwangsstörungen. Meist lassen sich bei solchen Patienten nur vorhandene Depressionen lindern, nicht aber die Haupterkrankung, so Folkerts.

Die EKT, so das Fazit des Psychiaters, ist eine der wirksamsten antidepressiven Therapien. "Es ist jedoch bedauerlich, dass man heute in Deutschland Facharzt für Psychiatrie werden kann, ohne jemals eine EKT gesehen zu haben, und dass es in Deutschland Kliniken gibt, die weder eine EKT kennen, noch andere Verfahren wie Schlafentzug oder Magnetstimulation."

Dagegen lässt sich immerhin einiges tun. Privatdozent Michael Grözinger vom Universitätsklinikum Aachen stellte eine Studie bei angehenden Psychiatern vor. Vor den ersten Psychiatrie-Erfahrungen lehnte ein Großteil die EKT ab. Mit Filmen, Praktika und fundierten Informationen zu der Methode ließen sich die Vorbehalte jedoch meist gründlich beseitigen.

EKT in Deutschland bei 4000 Patienten pro Jahr

Die Elektrokrampftherapie (EKT) ist weiterhin eine sehr seltene Therapieform. Nach Daten von Geräteherstellern werden jährlich 42000 EKT-Sitzungen vorgenommen, insgesamt erhalten dabei pro Jahr etwa 4000 Patienten in Deutschland eine EKT. Zum Vergleich: Im wesentlich kleineren Dänemark sind es mit 3000 fast genau so viele. Von den stationär behandelten Patienten erhalten in einigen Kliniken 3 bis 5 Prozent eine EKT. Nur jede zweite psychiatrische Klinik besitzt jedoch ein entsprechendes Gerät, so Privatdozent Michael Grözinger vom Uniklinikum Aachen.

Bei der EKT werden die Patienten heutzutage narkotisiert und entspannt. Muskelschmerzen oder gar Frakturen als Folge der Krämpfe gehören damit der Vergangenheit an. (mut)

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