Ärzte Zeitung, 08.02.2011

Hintergrund

Schulkinder mit Depression: Müde und unaufmerksam

Gespräche mit depressiven Kindern oder Jugendlichen sowie mit deren Eltern sind unverzichtbar, um eine Halt gebende Beziehung aufzubauen, Diagnostik und weitere Betreuung zu strukturieren. Die Kinder oder Jugendlichen müssen spüren: Sie sind jetzt die Hauptperson!

Von Marlinde Lehmann

Unaufmerksam, müde, unausgeschlafen - so fallen Schulkinder mit Depressionen auf

Gedrückte Stimmung ist ein bei depressiven Jugendlichen typisches Symptom.

© pixelcarpenter / fotolia.com

Was für Erwachsene mit Depressionen gilt, trifft für Kinder und Jugendliche mit Depressionen genauso zu: Ihre Erkrankung ist oft nicht leicht zu erkennen, häufig sind es alltägliche Erscheinungen wie Bauchweh und Unaufmerksamkeit, hinter denen sich Depressionen als eigentliche Grunderkrankung verbergen.

Bei Kindern äußerten sich Depressionen unterschiedlich, und die für Erwachsene konzipierten Kriterien der internationalen Klassifikation für Krankheiten seien am ehesten bei Jugendlichen in vollem Ausmaß erfüllt, lautet so auch das Resümee, das Kollegen um Professor Reiner Frank von der LMU München zum Thema Depressionen bei Kindern und Jugendlichen ziehen (Monatsschrift Kinderheilkunde 2010; 9: 834f, 836ff, 843ff).

Bei so erkrankten jungen Patienten hätten hausärztlich tätige Kollegen die Wächterfunktion ("gate keeper"), Symptome einer Depression zu erkennen, die Betroffenen zu beraten und zu begleiten.

Die Symptome bei depressiven Störungen sind altersabhängig. Klein- und Vorschulkinder sind traurig, ausdrucksarm und irritabel. Sie neigen zu verstärktem Schreien, zu Unruhe sowie vermehrtem Weinen und wirkten häufig passiv, interessen- und freudlos.

Oft sind auch Ess- oder Schlafverhalten beeinträchtigt. Im Schulalter stehen dann vor allem eine Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit und somatische Beschwerden wie Schlafprobleme oder Müdigkeit im Vordergrund, bei Jugendlichen Antriebsmangel und gedrückte Stimmung.

Bei der Anamnese sei es wichtig, den Betroffenen zu Wort kommen zu lassen - in einem Gespräch unter vier Augen oder in Anwesenheit der Eltern. Ziel und Zweck des Gesprächs sollten dem Betroffenen erläutert werden: "Ich möchte mich mit Dir unterhalten, um zu erfahren, wie es Dir geht".

Gute Gelegenheiten für die Betroffenen, sich zu äußern, bieten etwa Fragen nach altersentsprechenden Interessen und nach der Lebenssituation. Auch sollten Todesgedanken und Vorstellungen über die Zukunft erfragt werden.

Unbedingt müsse dokumentiert werden, ob nach Hinweisen auf Suizidalität und eine mögliche Gefährdung gefragt wurde, erinnern Frank und seine Kollegen.

Einwürfe von Eltern sollten mit der höflich formulierten Bitte um etwas Geduld aufzeigen, dass für diesen Augenblick das Kind oder der Jugendliche die Hauptperson ist.

Wichtig seien auch Rückmeldungen wie das Herausheben von Fähigkeiten ("Du hast mir Deine Situation sehr gut erklären können"), normales Verhalten als normal zu bestätigen oder nachzufragen, ob der Eindruck vom Gesprächspartner geteilt werden kann: "Auf mich wirkst Du traurig, stimmt das?".

Manche Kinder könnten unmittelbar im ersten Gespräch erklären, ob es einen Anlass für Trauer und Niedergeschlagenheit gibt.

Bestätigt sich der Verdacht auf eine Depression, stehe die Aufklärung von Patient und Eltern mit Informationen über Krankheitsbild, Einflussfaktoren und Therapiemöglichkeiten an erster Stelle der Aufgaben der in der Primärversorgung tätigen Kollegen, so Frank und seine Kollegen.

Die beratende Form der Begleitung sollte maximal sechs bis acht Wochen dauern; die Funktion einer Halt gebenden Beziehung werde oft unterschätzt.

Wenn sich die Symptome nicht besserten, seien psychotherapeutische und medikamentöse Therapie angezeigt. Bei länger anhaltenden Symptomen mache es Sinn, sich fachliche Unterstützung zu holen.

So viele Kinder haben Depressionen

Nach mehreren Studien - die meisten davon aus dem englisch-sprachigen Raum - haben depressive Störungen:
• 1 bis 7 Prozent der 0- bis 6-Jährigen,
• 2 bis 4 Prozent der 7- bis 13-Jährigen und
• 2 bis 14 Prozent der 14- bis 18-Jährigen.

Die Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen bei Kindern und Jugendlichen mit Depressionen sei für die kognitiv-behaviorale Therapie (CBT) gut bestätigt, schreiben Frank und seine Kollegen.

Bei der Pharmakotherapie sei der Effekt von SSRI bei Jugendlichen gut belegt. Für diese Gruppe von Arzneien sei ja diskutiert worden, ob ihre Anwendung mit einer erhöhten Suizidgefahr einhergehe.

Aus einer Übersichtsarbeit, in der auch Daten von Kindern und Jugendlichen berücksichtigt wurden, sei aber der Schluss gezogen worden, dass bei allen antidepressiv wirksamen Arzneien die erwünschte Minderung der depressiven Symptomatik mit einer Erhöhung des Suizidrisikos einhergehen könne.

Eingeschränkte Wirksamkeitsbelege gebe es bei den klassischen trizyklischen Antidepressiva, deren Anwendung bei Kindern zugelassen ist. Bei Arzneien aus der Gruppe der SSRI seien für Kinder nur spärliche systematische Nachweise der Wirksamkeit vorhanden, sodass eine Therapie "off-label" erfolgen müsse, so Frank und seine Kollegen.

Die Therapie werde ergänzt durch psychosoziale Maßnahmen wie supportive Therapie und Kooperation mit weiteren Gesprächspartnern aus Schule oder Jugendhilfe, soweit nötig.

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