Ärzte Zeitung, 30.11.2011

Vagusnerv-Stimulation hilft gegen Depression

Mit gezielten elektrischen Reizen am Vagusnerv lassen sich depressive Patienten auch unter Praxisbedingungen gut behandeln. Etwa ein Drittel der ansonsten therapieresistenten Depressiven profitiert noch ein Jahr nach Implantation von dem Stimulator.

Von Thomas Müller

Mit Vagusnerv-Stimulation gegen Depression

Bei Therapie-resistenten Depressionen kann eine Vagusnerv-Stimulation die Symptome lindern.

© jupiterimages.com/photos.com

PHILADELPHIA. Sprechen Patienten mit Depressionen nicht ausreichend auf Medikamente an, kann oftmals eine elektrische Stimulation des Vagusnervs die Symptome deutlich lindern.

In größeren kontrollierten Studien ließen sich damit auch über ein Jahr hinweg gute Erfolge erzielen.

Die Methode wurde daher in den USA im Jahr 2005 von der Arzneimittelbehörde FDA als Zusatzbehandlung bei therapieresistenten uni- und bipolaren Depressionen zugelassen.

Tests mit 15 Patienten

Ein Team um Dr. Pilar Cristancho aus Philadelphia hat nun in einer - allerdings recht kleinen Studie - geprüft, ob das Verfahren auch für den Praxisalltag geeignet ist (J Clin Psychiatry 2011; 72: 1376-1382).

Es gab daher keine besonderen Auswahlkriterien - die Ärzte nahmen einfach die ersten 15 ambulant behandelten Patienten, für die die Methode zugelassen war. Von diesen Patienten hatten fünf eine bipolare, zehn eine unipolare Depression.

Symptome gehen zurück

Zwölf Monate nach Implantation des Stimulators waren die Symptome deutlich zurückgegangen. Auf der Skala BDI (Beck Depression Inventary) war der Wert von zuvor im Schnitt knapp 38 Punkten auf 25 gefallen.

29 Prozent der Patienten sprachen nach dieser Skala auf die Therapie an, was bedeutet, dass der BDI-Wert bei ihnen um mindestens 50 Prozent sank.

Noch besser fielen die Werte mit der Hamilton-Depressionsskala aus: Hier lag die Ansprechrate nach einem Jahr bei 43 Prozent. Die Therapie wurde gut vertragen, kein Patient brach sie wegen unerwünschter Wirkungen ab.

In der Praxis bewährt

Cristancho und ihre Mitarbeiter schließen daraus, dass die Vagusnerv-Stimulation in der Praxis ähnlich gut funktioniert wie bei Patienten in klinischen Studien und dies, obwohl ihre Patienten zu Beginn im Schnitt schwerere Depressionen hatten als die Teilnehmer in anderen Studien.

Mit der Stimulation sei immerhin bei einem beachtlichen Teil der ansonsten schwer behandelbaren Patienten eine Linderung möglich, schreiben sie.

Elektrischer Impulsgeber in der Schlüsselbeinregion implantiert

Bei der Vagusnerv-Stimulation wird ein elektrischer Impulsgeber subkutan in der Schlüsselbeinregion implantiert. Eine Elektrode umwickelt den linken Vagusnerv im Hals. Über afferente Fasern leitet der Nerv die Impulse des Taktgebers in den Hirnstamm und ins limbische System.

Dabei werden auch wichtige Bestandteile des serotonergen und noradrenergen Systems wie die Raphe-Kerne und der Locus caeruleus beeinflusst.

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