Ärzte Zeitung, 20.11.2012

Rollenwechsel

Viele kranke Ärzte empfinden Schande

Wenn der Arzt selbst zum Patienten wird, kann er diese Doppelrolle oft nur schwer bewältigen. Warum der Weg zurück in den medizinischen Alltag vor allem nach längerer Krankheit mit Hürden gespickt ist, haben Forscher in einer Studie untersucht.

Von Christine Starostzik

Viele kranke Ärzte empfinden Schande

Die eigene Krankheit zwingt Ärzte zu einem ganz neuen Blick auf Gesundheit und Krankheit sowie das Verhältnis von Arzt zu Patient.

© imago

LONDON. Den Doktor haut nichts um, soweit die Ansicht vieler Ärzte und Patienten.

Passiert dann doch das Undenkbare, und eine ernsthafte Erkrankung oder gar psychische Probleme halten ihn lang von seinem Arbeitsplatz fern, ist es manchmal schwierig, in das alte Selbstverständnis zurückzufinden.

Eine Untersuchung an britischen Ärzten ergab, dass Probleme vor allem durch eine Art Selbststigmatisierung entstehen.

Der Rollenwechsel wurde in einer Studie untersucht

Wie fühlen sich Ärzte, wenn sie nach längerer Krankheit die Rolle des Patienten verlassen und früheren Kollegen und Patienten wieder als kompetenter Mediziner gegenübertreten wollen bzw. sollen? Eine qualitative Studie in Großbritannien hat diesen Rollenwechsel untersucht (BMJ Open 2012; 2: e001776).

Die Teilnehmer waren im vorangegangenen Jahr mindestens sechs Monate krankheitsbedingt nicht in ihrem Beruf tätig gewesen. Von den 77 angesprochenen Ärzten zwischen 27 und 67 Jahren nahmen 19 an der Befragung teil.

Sieben hatten körperliche Erkrankungen, die anderen litten an Depressionen, Angststörungen, bipolaren Störungen oder Alkoholabhängigkeit. Häufig bestanden auch kombinierte psychische und physische Probleme. In 14 Fällen war die Ärztekammer eingeschaltet worden.

Die Befragung zeigte deutlich: Viele der Ärzte definierten ihre Person über ihre Arbeit. So änderte sich mit der Krankheit auch die eigene Identität, die ohne den täglichen Patientenkontakt immer mehr zu verschwinden drohte.

Die eigene Krankheit zwinge Ärzte zu einem ganz neuen Blick auf die Welt und ihre ungewohnte Position innerhalb dieser Ordnung, so die Autoren.

Einsam und traurig

Viele Ärzte gaben an, dass sie sich einsam und traurig fühlten, seit sie nicht mehr arbeiteten.

Obwohl von einigen über eine unterstützende Haltung in der direkten Umgebung berichtet wurde, klagten andere auch über negative Reaktionen vonseiten der Familie und der Freunde. Einige der Befragten hielten ihre Probleme deshalb lieber geheim.

Durch die Kollegen erfuhren die kranken Ärzte zum Teil wenig Unterstützung und fürchteten sich deshalb vor ablehnenden Reaktionen bei ihrer Rückkehr an den Arbeitsplatz.

Viele Ärzte neigten dazu, sich selbst die Schuld für ihre gesundheitliche Situation zu geben.

Einige hatten die negative Sichtweise ihres Umfeldes verinnerlicht, empfanden Schande, Schuld und Selbstzweifel, die das Gefühl des Versagens bei ihnen aufkommen ließen.

Ärzte sollten Fürsorge für ihre Gesundheit lernen

Fazit der Autoren: Das größte Hindernis für eine Rückkehr in den Alltag als Arzt war für die Befragten wohl das negative Selbstbild, sobald sie die Krankheit als Teil ihrer Identität begriffen hatten, meinen die Wissenschaftler.

Verstärkt wurde diese Einstellung durch negative Reaktionen aus dem Umfeld. Um diesem Prozess entgegenzuwirken, müsse das Umdenken bereits in der Ausbildung beginnen, fordern die Studienautoren.

Ärzte sollten lernen, ihrer eigenen Gesundheit ebenso viel Aufmerksamkeit und Fürsorge zukommen zu lassen wie der ihrer Patienten.

Mediziner müssen unbedingt anerkennen, dass auch sie nicht unverwundbar sind. Diese Einsicht mache es leichter, sagen die Autoren, geeignete Strategien für den Krankheitsfall zu entwickeln.

Quelle: www.springermedizin.de

[22.11.2012, 09:34:52]
Dipl.-Psych. Barbara Kraus 
Mehr Fehldiagnosen bei Helfern? denn es kann nur Überforderung sein!
Genau so läuft es (zu Kommentar 3), Helfer können nur überfordert sein, ihnen werden frühe....angedichtet (wer suchet der findet), das ist dichotomes Denken, was somatische Ursachen ausblendet und werden sie dann doch gefunden, als Folge er Überforderung darstellt werden. Bei fehlender Behandlung der organischen Erkrankung(z.B. Substitution von Hormonen) entsteht zunehmender Stress und dann hat der Kommentar 3 wieder recht. Hier ist Umdenken und Weiterdenken erforderlich. Es sind genügend organische Erkrankungen bekann, die mit depressiver Symptomatik einhergehen und Immunprozesse depressive Symptomatik auslösen. (Schubert,2011; Dantzer,2009) Es it an der Zeit, dass Psychotherapeuten mehr über Schilddrüsenerkrankungen und deren Symptome wissen sollten.(Brakebusch,2010) zum Beitrag »
[21.11.2012, 11:25:34]
Dipl.-Psych. Barbara Kraus 
Nicht nur Schaden tragen sondern auch beschämt von der eigenen Berufsgruppe
Ich war selbstständig in eigener Praxis als Psychologische Psychotherapeutin tätig, hatte einen Verkehrsunfall und es erfolgte Diagnostik mit jodhaltigen Kontrastmittel und binnen eines halben Jahres ging es mir immer schlechter und es wurde die Diagnose schwere Depression mit somatischen Symptomen gestellt und 3 Monate stationär behandelt ohne rechten Erfolg und so ging es auch Jahre weiter, habe irgendwie dahin vegetiert, denn REHA ist privat nicht abgesichert und die privaten Krankenversicherungsverträge haben auch so ihre Einschränkungen, Ansprüche an die DRV zur Teilhabe am Arbeitsleben bestehen nicht. Mein berufsständisches Versorgungswerk hat mir die Leistungen vorenthalten, und aus vielen Gutachten die Arbeitsunfähigkeit bestätigten einen Stellungnahme erstellt, dass aufgrund der beruflichen Sozialisation vom Erschleichen von Leistungen auszugehen sei. Das ist übles Nachtreten, wenn man schon am Boden liegt von der eigenen Berufsgruppe die einem zeigt, dass man keinen Wert mehr besitzt, wenn man in die Rolle des Patienten abgeglitten ist und Kosten verursacht. Helfer aus dem privaten Umfeld haben sich auch noch meine hilfsbedürftige Situation zunutze gemacht und ich habe alles verloren was ich mir aufgebaut hatte. Und dieses Jahr, nach nun 7 Jahren ist die Ursache der depressiven Symptomatik aufgedeckt. Es handelt sich um die Entwicklung einer Hashimoto nach Jodexposition und da wirkten keine Antidepressiva, aber Schilddrüsenhormone wirken gegen die Depressivität und kognitiven Beschwerden und auch sogenannten sonatenformen Beschwerden gehen damit auch zurück, doch mein Befinden und Belastbarkeit ist sehr schwankend doch ich habe die vielleicht unrealistische Hoffnung wieder in den Beruf einzusteigen, aber Hilfe gibt es dafür nicht. Meine Erfahrung ist, wenn Hilfe für Helfer notwendig ist werden sie noch zusätzlich beschämt, sich nicht ausreichend zusammenzureißen, zu simulieren, sind von Hilfe wieder in den Beruf einzusteigen ausgeschlossen und Selbsthilfeverhalten negativ ausgelegt. zum Beitrag »
[21.11.2012, 07:39:37]
Dipl.-Med Wolfgang Meyer 
Gekränkt und beschämt
Viele Angehörige in helfenden Berufen versuchen mit dieser Berufs- bzw. Tätigkeitswahl sich selbst zu helfen. Im Verborgenen finden sich hier oft frühe Konflikte, die auf diesem Wege einer Lösung harren. Dieser Weg mündet in der mechanistisch orientierten Organmedizin dann leider häufig in Selbstüberforderung und Sinnverlust. In einer Situation, da durch eine gesundheitliche Krise, häufig auch als Folge einer Sucht, eine Kränkung mit konsekutiver Beschämung eintrifft, brechen die mühsam aufrechterhal-
tenden Abwehrsysteme zusammen. Wie schwer es für diese Menschen ist, Hilfe zu suchen oder anzunehmen, zeigt die Teilnahme an dieser Befragung, die nicht ganz 25 Prozent erreicht. Auch hier gilt es, weiter an guten
Hilfsangeboten zu arbeiten! zum Beitrag »

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