Ärzte Zeitung online, 01.11.2013

Nach Wirtschaftskrise 2008

Viel mehr junge Männer wählen Freitod

Im Jahr nach der Wirtschaftskrise von 2008 ist die Zahl der Suizide weltweit deutlich gestiegen. Besonders betroffen: Europa und die USA. In Europa stieg die Selbstmordrate vor allem bei den jungen Männern.

Von Elke Oberhofer

Viel mehr junge Männer wählen Freitod

Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung: Die Wirtschaftskrise hat vor allem Männern zu schaffen gemacht.

© Getty Images/iStockphoto

HONG KONG, BRISTOL. Berichte von gestiegenen Suizidraten im Gefolge der globalen Wirtschaftskrise lagen bislang nur für einzelne Nationen vor, etwa für Griechenland, England und Spanien. Die WHO hat nun eine umfassende Analyse mit Daten aus 54 Nationen veröffentlicht.

Demnach ist die Zahl der Selbsttötungen im Jahr 2009 um weltweit 4884 Fälle gegenüber dem Trend der Vorjahre (2000 bis 2007) gestiegen, mit den höchsten Zuwachsraten in Europa und den USA (BMJ 2013; 347: f5239).

Kein Anstieg bei den über 65-Jährigen

Der Anstieg der Suizidraten betraf hauptsächlich Männer unter 25 Jahren. In dieser Altersgruppe hatten sich in Europa im Jahr 2009 11,7 Prozent mehr das Leben genommen als in den jeweiligen Vorjahren.

Mit zunehmendem Alter schwächte sich dieser Trend deutlich ab; bei den über 65-Jährigen war keine Zunahme mehr zu erkennen.

Insgesamt war die Selbstmordrate bei den europäischen Männern um 4,2 Prozent gestiegen, das entspricht einem Zuwachs um knapp 3000 Fälle. In den USA kam man auf 6,4 Prozent mehr männliche Fälle von Selbsttötung.

In Deutschland waren es gegenüber den Vorjahren 376 Männer mehr, die sich das Leben genommen hatten, in Frankreich 344, in Großbritannien 289, in Spanien 178, in Schweden 68 und in Griechenland 31.

Bei Frauen ist die Situation anders als bei Männern

Bei den Frauen in Europa blieb der fatale Effekt der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 fast gänzlich aus - mit einer Ausnahme: Die neuen Mitgliedsstaaten als Gruppe verzeichneten einen deutlichen Suizidanstieg sowohl für Männer (13,3 Prozent) als auch für Frauen (7,7 Prozent).

Für die Autoren um Professor Shu-Sen Chang von den Universitäten Hong Kong und Bristol liegt der Zusammenhang mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit auf der Hand.

So war die Suizidrate in denjenigen Ländern besonders stark gestiegen, in denen sich die Arbeitslosigkeit vor der Krise auf relativ niedrigem Niveau bewegt hatte (unter 6,2 Prozent).

In Europa war die Zahl der Arbeitslosen im Jahr 2009 um bis zu 35 Prozent gestiegen, in den USA sogar um über 100 Prozent.

Arbeitslosigkeit als Schande?

Nach Interpretation von Chang und Kollegen sind Männer in einer Wirtschaftskrise einem größeren Risiko für psychische Probleme ausgesetzt. Weltweit seien sie immer noch in den meisten Familien die Hauptverdiener und daher von Rezessionen stärker direkt betroffen.

Möglicherweise sähen sie in der Arbeitslosigkeit auch eher eine Schande als Frauen und seien daher weniger bereit, Hilfe von außen anzunehmen, spekulieren die Forscher.

Dass sich in Europa zunehmend vor allem junge Männer das Leben nahmen, könne mit der teilweise enorm gestiegenen Zahl der Arbeitslosen in dieser Altersgruppe zusammenhängen.

Den Autoren zufolge bilden diese Zahlen die Auswirkungen der Krise auf die Psyche der Menschen nur unzureichend ab. Man müsse davon ausgehen, dass die Rate der nicht vollendeten Suizidversuche die tatsächlichen Selbsttötungen um das 40-Fache übersteigt.

[04.11.2013, 11:57:04]
Friederike Sattler 
Verwendung der Begriffe "Freitod" oder "Selbstmord"
Ich bin sehr verwundert, dass ein Blatt wie die Ärtzezeitung nach wie vor an wertenden Begriffen wie "Freitod" oder "Selbstmord" festhält, wo Sie doch im Artikel selbst durchaus auch die gängigen und wertneutralen Termini gebrauchen.
Der AGUS e.V. hat auf seiner Webseite eine sehr gute Begründung die Begriffe "Selbstmord" und "Freitod" nicht zu verwenden:
"Im Alltag wird oft von Selbst„mord“ gesprochen. Mord ist der schwerste Straftatbestand in unserem Strafgesetzbuch und bezeichnet die Tötung eines anderen Menschen aus niedrigen Beweggründen wie Habgier, Neid, Eifersucht, Mordlust usw. – diese Bezeichnung hat nicht im Entferntesten etwas zu tun mit der Situation eines verzweifelten Menschen, der sich das Leben nimmt. Und Suizidtrauernde sind nicht Hinterbliebene eines „Mörders“.
Die Bezeichnung „Freitod“ beinhaltet den Hinweis auf eine freie Willensentscheidung zum Tod, meist in Verbindung mit edlen Motiven. Auch dies beschreibt unseres Erachtens nicht die Situation von Menschen, deren Entscheidung von Ausweglosigkeit geprägt ist."

Zumal erschließt sich mir die Überschrift des obigen Artikels an sich nicht, denn wieviel "Wahl" haben denn die meisten Suizidenten tatsächlich gehabt? Ich bitte Sie sehr Ihre Formulierungen noch einmal zu überdenken (auch für zukünftige Artikel zu diesem Thema), auch wenn Sie im vorliegenden Artikel lediglich die aktuellen Statistiken zu Suiziden wiedergeben.
MfG zum Beitrag »

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