Fatigue

Eine diagnostische Herausforderung

Burnout, Depression oder doch eine organische Erkrankung? Wenn Patienten über Erschöpfung klagen, ist es nicht immer einfach, die Ursache zu ermitteln. Mit wenigen Fragen können Ärzte zumindest klären, ob ein Psychiater oder Neurologe nötig ist.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Morgens ausgeschlafen und fit, nach zwei Stunden Arbeit dann erschöpft: Das kann Fatigue sein.

Morgens ausgeschlafen und fit, nach zwei Stunden Arbeit dann erschöpft: Das kann Fatigue sein.

© burachet/Getty Images/iStock

KÖLN. Wenn Patienten über ständige Erschöpfung klagen, denken viele Ärzte zunächst an psychische Ursachen: eine Depression, einen Burnout oder vielleicht ein Chronisches Fatigue Syndrom. Doch nicht selten ist die Fatigue Erst- oder Begleitsymptom einer organischen Erkrankung.

So kann sie Patienten mit einer beginnenden MS plagen, auch Tumoren können sich mit starken Erschöpfungszuständen bemerkbar machen, schließlich kommt es nicht selten nach Hirninfarkten oder Schädel-Hirntraumata zu einer starken Beeinträchtigung der Alltagsfunktion infolge einer Fatigue.

"Klagen über ungewohnte Müdigkeit müssen wir ernst nehmen und zeitnah diagnostisch abklären", so Dr. Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN).

Es gebe eben auch Fatigue als gut behandelbares akutes Symptom einer anderen Grunderkrankung. Daher sei es wichtig, die Fatigue klar von anderen Ermüdungs- und Erschöpfungszuständen abzugrenzen, sagte Bergmann der "Ärzte Zeitung".

Wie Ärzte die diagnostischen und therapeutischen Herausforderungen bei Fatigue-Patienten bewältigen können, ist am 5. April auch ein zentrales Thema des von den Berufsverbänden für Neurologie, Psychiatrie und Nervenheilkunde (BVDN, BDN, BVDP) veranstalteten Neurologen-und-Psychiater-Tages in Köln.

Einige Tipps zur Diagnostik kann Privatdozentin Iris-Katharina Penner von der Universität Basel Ärzten schon vorab an die Hand geben. Mit der Frage, wann die Erschöpfung auftritt, lasse sich eine Fatigue bereits recht gut von einer Depression abgrenzen.

Standardisierte Fragebögen

"Sagt ein Patient etwa, er ist morgens nach dem Aufstehen noch recht fit, nach zwei Stunden Arbeit aber erschöpft und braucht eine Pause, durch die er wieder etwas leistungsfähiger wird, dann spricht das eher gegen eine Depression", sagte die Kognitions- und Neurowissenschaftlerin.

Depressive Patienten seien oft morgens müde und werden dann gegen Ende des Tages fitter. Auch die Frage nach Schlafdauer und Qualität sei wichtig. Wenn Patienten zu schlecht und zu wenig schlafen, lasse sich die Erschöpfung auch oft darauf zurückführen.

Fatigue-Patienten hingegen fühlten sich auch dann tagsüber müde und kraftlos, wenn sie genug geschlafen haben. Abgegrenzt werden müsse die Fatigue zudem von Stress- und Belastungssituationen: Manche Patienten nehmen sich einfach zu viel vor oder haben berufliche und private Probleme.

"Ich bitte meine Patienten oft, ihren Tagesablauf zu beschreiben", so Penner. Dadurch ließen sich bereits viele diagnostische Hinweise finden.

Damit eine Fatigue diagnostiziert werden kann, müssen sich die Patienten jedoch im Alltag deutlich eingeschränkt fühlen. Wenn sie sich sozial zurückziehen, abends nicht mehr ausgehen oder seltener Freunde treffen - also vieles nicht mehr tun, was ihnen einmal Spaß gemacht hat - dann deutet dies auf eine gravierende Einschränkung.

Da eine Fatigue Erst- und Frühsymptom einer schweren Erkrankung sein kann, lohne es sich, gezielt nach körperlichen Beschwerden in der Vergangenheit zu fragen, etwa Parästhesien oder Paresen, die auf eine beginnende MS deuten.

Die Psychologin, die in einer neurologischen Praxis in Zürich eine Spezialsprechstunde für Fatigue anbietet, nutzt dafür gerne auch standardisierte Fragebögen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Fragen helfen für Differenzierung

Wie sich eine krebsbedingte Fatigue von einer Depression abgrenzt

Off-Label-Use möglich

Long-COVID-Therapie: So schätzt Hausarzt Maibaum den G-BA-Beschluss ein

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Dr_Microbe / stock.adobe.com

© Dr_Microbe / stock.adobe.com

Fünf Jahre orale Therapie mit Risdiplam

Breite Anwendbarkeit bei 5q-assoziierter SMA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Voraussetzungen für neue Kassenleistung

Lungenkrebs-Screening: Wie gut sind Praxen vorbereitet?

Ärztliche Pflichttätigkeiten

Zehn Praxis-Tipps für die Leichenschau

Schulterblick

Wie eine Wiesbadener Hausärztin ihre Praxis digitalisiert

Lesetipps
Formular 21 - wie es richtig ausgefüllt wird, war in den vergangenen Jahren nicht allen Ärzten klar.

© Fernando Gutierrez-Juarez / dpa / picture alliance

Bescheinigung eines erkrankten Kindes

Kinderkrankenschein: So wird Formular 21 richtig ausgefüllt

Ein Arzt lädt Daten in die E-Patientenakte hoch

© Daniel Karmann/dpa/picture alliance

Elektronische Patientenakte im Versorgungsalltag

Bei diesen ePA-Baustellen müssen Praxen auf Behelfslösungen setzen