Ärzte Zeitung, 28.03.2014

Fatigue

Eine diagnostische Herausforderung

Burnout, Depression oder doch eine organische Erkrankung? Wenn Patienten über Erschöpfung klagen, ist es nicht immer einfach, die Ursache zu ermitteln. Mit wenigen Fragen können Ärzte zumindest klären, ob ein Psychiater oder Neurologe nötig ist.

Von Thomas Müller

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Morgens ausgeschlafen und fit, nach zwei Stunden Arbeit dann erschöpft: Das kann Fatigue sein.

© burachet/Getty Images/iStock

KÖLN. Wenn Patienten über ständige Erschöpfung klagen, denken viele Ärzte zunächst an psychische Ursachen: eine Depression, einen Burnout oder vielleicht ein Chronisches Fatigue Syndrom. Doch nicht selten ist die Fatigue Erst- oder Begleitsymptom einer organischen Erkrankung.

So kann sie Patienten mit einer beginnenden MS plagen, auch Tumoren können sich mit starken Erschöpfungszuständen bemerkbar machen, schließlich kommt es nicht selten nach Hirninfarkten oder Schädel-Hirntraumata zu einer starken Beeinträchtigung der Alltagsfunktion infolge einer Fatigue.

"Klagen über ungewohnte Müdigkeit müssen wir ernst nehmen und zeitnah diagnostisch abklären", so Dr. Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN).

Es gebe eben auch Fatigue als gut behandelbares akutes Symptom einer anderen Grunderkrankung. Daher sei es wichtig, die Fatigue klar von anderen Ermüdungs- und Erschöpfungszuständen abzugrenzen, sagte Bergmann der "Ärzte Zeitung".

Wie Ärzte die diagnostischen und therapeutischen Herausforderungen bei Fatigue-Patienten bewältigen können, ist am 5. April auch ein zentrales Thema des von den Berufsverbänden für Neurologie, Psychiatrie und Nervenheilkunde (BVDN, BDN, BVDP) veranstalteten Neurologen-und-Psychiater-Tages in Köln.

Einige Tipps zur Diagnostik kann Privatdozentin Iris-Katharina Penner von der Universität Basel Ärzten schon vorab an die Hand geben. Mit der Frage, wann die Erschöpfung auftritt, lasse sich eine Fatigue bereits recht gut von einer Depression abgrenzen.

Standardisierte Fragebögen

"Sagt ein Patient etwa, er ist morgens nach dem Aufstehen noch recht fit, nach zwei Stunden Arbeit aber erschöpft und braucht eine Pause, durch die er wieder etwas leistungsfähiger wird, dann spricht das eher gegen eine Depression", sagte die Kognitions- und Neurowissenschaftlerin.

Depressive Patienten seien oft morgens müde und werden dann gegen Ende des Tages fitter. Auch die Frage nach Schlafdauer und Qualität sei wichtig. Wenn Patienten zu schlecht und zu wenig schlafen, lasse sich die Erschöpfung auch oft darauf zurückführen.

Fatigue-Patienten hingegen fühlten sich auch dann tagsüber müde und kraftlos, wenn sie genug geschlafen haben. Abgegrenzt werden müsse die Fatigue zudem von Stress- und Belastungssituationen: Manche Patienten nehmen sich einfach zu viel vor oder haben berufliche und private Probleme.

"Ich bitte meine Patienten oft, ihren Tagesablauf zu beschreiben", so Penner. Dadurch ließen sich bereits viele diagnostische Hinweise finden.

Damit eine Fatigue diagnostiziert werden kann, müssen sich die Patienten jedoch im Alltag deutlich eingeschränkt fühlen. Wenn sie sich sozial zurückziehen, abends nicht mehr ausgehen oder seltener Freunde treffen - also vieles nicht mehr tun, was ihnen einmal Spaß gemacht hat - dann deutet dies auf eine gravierende Einschränkung.

Da eine Fatigue Erst- und Frühsymptom einer schweren Erkrankung sein kann, lohne es sich, gezielt nach körperlichen Beschwerden in der Vergangenheit zu fragen, etwa Parästhesien oder Paresen, die auf eine beginnende MS deuten.

Die Psychologin, die in einer neurologischen Praxis in Zürich eine Spezialsprechstunde für Fatigue anbietet, nutzt dafür gerne auch standardisierte Fragebögen.

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