Ärzte Zeitung App, 09.04.2014

Suizid-Prävention

Leben retten mit Netzen und Militärreformen

Macht man es Menschen mit Suizidabsicht schwer, sich umzubringen, verzichten sie oft gänzlich auf den Suizid. Tatsächlich zeigen erfolgreiche Beispiele: Die Sicherung von bestimmten Hot Spots kann die Suizidrate senken.

Von Thomas Müller

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Krisentelefon für Suizid-Gefährdete auf der Golden Gate Bridge.

© nös

WIESBADEN. An diesen Anblick muss man sich erst gewöhnen: Die wohl am meisten fotografierte Brücke der Welt, die Golden Gate Bridge in San Francisco, wird nun doch mit einem Selbstmörder-Repellent ausgestattet: Große Netze unter der Brücke sollen künftig verhindern, dass sich jedes Jahr von dem monumentalen Bauwerk bis zu 50 Menschen in den Tod stürzen.

Seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1937 haben bereits 1600 Menschen das Bauwerk für den Sprung in den Pazifik genutzt. Die Brücke zählt zweifellos zu den wichtigsten Hot Spots für Suizide.

Mit der Entscheidung für die Netze haben es sich die US-Behörden nicht leicht gemacht. Jahrelang wurde darum gerungen. Die Gegner der Maßnahme sahen es nicht als Aufgabe der Kommune, mit viel Geld die Leute am Suizid zu hindern.

Auch ein weiteres Argument hatte viel Gewicht: Wenn sie es hier nicht tun, dann tun sie es eben woanders.

Genau das ist aber wohl nicht der Fall: Werden Hot Spots entschärft und für Suizidgefährdete unattraktiver, dann verzichten die meisten auf die Selbsttötung. Daran hat Professor Werner Strik von der Uniklinik Bern auf der Fortbildungsveranstaltung "Psychiatrie Update" in Wiesbaden erinnert.

Sicherheitsnetze senken Suizidrate

Strik untermauert diese Erkenntnis mit einigen Beispielen aus der Schweiz. In dem Alpenland sterben jedes Jahr etwa viermal so viele Menschen an Suiziden wie an Verkehrsunfällen, die Suizidrate liegt im europäischen Vergleich im oberen Drittel.

Ein Hot Spot war lange Zeit die Münsterplattform in der Schweizer Hauptstadt: An der leicht zugänglichen, etwa 30 Meter über die Altstadt ragenden Terrasse wurden schließlich Netze angebracht, primär um die darunter lebenden Bewohner vor den Herabstürzenden zu schützen.

Diese Maßnahme verhinderte nicht nur weitere Suizide an dem Bauwerk, insgesamt sank dadurch die Suizidrate in Bern in den folgenden Jahren, bis sich die Kornhausbrücke als neuer Hot Spot etablierte. Von dort stürzten die Suizidopfer bevorzugt auf einen darunter liegenden Sportplatz.

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Es gibt Hoffnung: Nahaufnahme des Hinweisschild zum Krisentelefon auf der Golden Gate Bridge.

© nös

Auch hier wurden dann Netze angebracht, zunächst jedoch nur an der Stelle über dem Sportplatz. Daneben konnte weiter gesprungen werden, aber das wollte nun offenbar niemand mehr. Weshalb, ist unklar.

"Das ist rational nicht nachzuvollziehen", sagte Strik. "Vielleicht hat das Signal ‚wir wollen nicht, dass Du an dieser Stelle runterspringst; wenn Du es daneben tust, ist es uns egal', die Leute abgehalten, überhaupt zu springen."

Armeereform verhindert Selbsttötungen

Die häufigste Suizidmethode in der Schweiz ist jedoch nicht der Sprung von Brücken und Bauwerken, sondern, zumindest bei Männern, der gezielte Schuss in den Kopf mit einem Gewehr der Schweizer Armee.

Begünstigt wird diese Suizidmethode durch das Schweizer Milizsystem: Nach der Militärausbildung nehmen die Wehrpflichtigen ihre Waffe noch für 15 oder mehr Jahre mit nach Hause. Nach einer Militärreform standen im Jahr 2004 aber nur noch halb so viele Schweizer unter Waffen. Dies führte zu einer statistisch auffälligen Reduktion der Suizidrate - vor allem bei Suiziden durch Erschießen.

Als Gegenreaktion kam es zwar zu einer gewissen Verlagerung der Suizidmethoden - andere Methoden wurden etwas häufiger angewandt, jedoch der Rückgang nicht kompensiert. Strik geht davon aus, dass vier von fünf Suizidwilligen, die sich nach der Reform weniger erschossen, keine andere Methode wählten, sondern am Leben blieben.

Nur 22 Prozent, so legen die Schweizer Daten nahe, waren so entschlossen, dass sie auch ohne Gewehr einen Weg in den Tod suchten. Die Armeereform habe damit wohl zu einem deutlichen Rückgang der Suizidrate geführt, sagte der Psychiater.

Ein ähnliches Phänomen wurde in England und Wales in den 1960er-Jahren beobachtet: Als der Kohlenmonoxidanteil von Haushaltsgas gesenkt wurde, kam es zu einem eindrucksvollen Rückgang der Suizide - und zwar bei Frauen.

Der Zugang entscheidet

Die im Vergleich zu Männern niedrigere Suizidrate bei Frauen, so vermuten viele Experten, beruht zu einem gewissen Teil auf einem schweren Zugang zu "sanften" Suizidmethoden, die Frauen bevorzugen. Dazu zählt vor allem das Vergiften. In ländlichen Regionen Chinas, wo Frauen leicht an Pestizide gelangen, ist die Suizidrate ähnlich hoch wie bei Männern.

Für Strik ist daher der Zugang zu tödlichen Mitteln im Alltag entscheidend. Wenn jemand gerade sehr verzweifelt ist, aber dann nichts in der Hand hat, sich umzubringen, dann will er es eine halbe Stunde später meist nicht mehr, so Strik.

Gerade Suizide, die einer Kurzschlussreaktion entspringen, lassen sich also durch eine eingeschränkte Verfügbarkeit von Suizidmethoden gut verhindern.

Das haben offenbar auch die Verantwortlichen in San Francisco verstanden: Immerhin gelang es im Laufe der Jahre, 515 Menschen vom Sprung in den Pazifik abzuhalten. Von diesen haben sich später nur etwa fünf Prozent auf andere Weise das Leben genommen.

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