Ärzte Zeitung online, 24.04.2014

Kommentar zu Depression nach Intensivstation

Holprige Rückkehr ins Leben

Von Christine Starostzik

Die Hilflosigkeit, der ständige Lärm, das Sterben im Nachbarbett - all dies ängstigt und traumatisiert Menschen, die auf Intensivstationen um ihr Leben ringen, ganz abgesehen von der Verunsicherung durch ihren eigenen gesundheitlichen Zustand. Die Verwirrung reicht oft bis hin zum Delir.

Natürlich steht das Überleben des Patienten während einer Intensivbehandlung im Mittelpunkt. Ist diese Hürde genommen, hinterlässt das Erlebte häufig aber hartnäckige seelische Wunden.

Eine US-Studie hat jetzt gezeigt, dass mehr als jeder dritte Patient noch Monate nach seiner Klinikentlassung an einer leichten bis mittelschweren Depression leidet. Und diese wird offenbar leicht übersehen - auch deshalb, weil sie sich vorwiegend in körperlichen Symptomen äußern kann.

Hinzu kommen, anderen Studien zufolge, posttraumatische Belastungsstörungen, die bei mehr als 20 Prozent der Patienten noch Monate oder Jahre nach einer Intensivtherapie anhalten.

Damit alle Betroffenen die Chance auf einen möglichst schnellen Wiedereinstieg in ihren normalen Alltag haben, scheint es höchste Zeit für wirksame Präventionsmaßnahmen im Rahmen eines individuellen, den jeweiligen Defiziten des Patienten angepassten psychotherapeutischen Gesamtkonzepts.

Lesen Sie dazu auch:
Etwa jeder Dritte: Häufig Depressionen nach Intensivtherapie

[24.04.2014, 08:52:36]
Julia Cremasco 
Noch einen Schritt weiter gehen...
Sehr geehrte Frau Starostzik,

Sie greifen in Ihrem Kommentar einen aus meiner Sicht sehr wichtigen Aspekt auf, der im Schulmedizinischen leider noch zu oft außer Acht gelassen wird - sowohl stationär als auch ambulant. Sicherlich ist der Aufenthalt auf der Intensivstation äußerst dramatisch bis traumatisierend. Seelische Unterstützung und Begleitung ist hier bereits im Anfangsstadium unbedingt gefordert. Doch ich gehe noch einen Schritt weiter und sehe ebenso dringenden Bedarf auf nahezu allen anderen Stationen. Wirft man einen Blick auf die 20 häufigsten Hauptdiagnosen bei vollstationären Krankenhauspatienten, so finden sich auf den ersten sechs Plätzen Diagnosen, die in der Regel nicht einer Intensivversorgung bedürfen:

1. Lebendgeborene
2. Herzinsuffizienz
3. Störungen durch Alkohol
4. Angina Pectoris
5. Intrakranielle Verletzungen
6. Vorhofflimmern
(Quelle: Wikipedia, Angaben gelten für Deutschland 2009)

Auf der gynäkologischen Station liegen Freud und Leid oft dicht beieinander. Betrachten wir das Leid: Frühgeburt, Todgeburt, Fehlgeburt, Eileiterschwangerschaft. Nicht zu vergessen sind hier aber auch die Frauen, die nicht mit Freude der Mutterschaft entgegentreten: Schwangerschaft durch nicht aufgedeckte Vergewaltigung, Trennung vom Partner, Angst vor Armut, klassische Wochenbettdepression, die von der Betroffenen unterdrückt wird bzw. von den Verwandten kleingeredet wird. Kann es im Sinne der Gesellschaft sein, dass die organische Gesundheit wiederhergestellt wird, der Mensch körperlich wieder funktionsfähig ist - und die seelische Gesundheit unbeachtet bleibt? Es ist kein Geheimnis mehr heutzutage, dass sich psychische Belastungen irgendwann in körperlichen Krankheiten manifestieren können.

Schauen wir in die Kardiologie: Angst und Stress sind treue Begleiter der Herzpatienten. Panik gesellt sich gern dazu. Eines bedingt das andere, ein Teufelskreis kann entstehen. Das junge Feld der Psychokardiologie muss aus meiner Sicht unbedingt mehr Beachtung finden. Es kann nicht sein, dass eine Patientin in einer Therapiestunde bei mir erzählt, dass sie nie wieder in Krankenhaus X gehen wird, wo sie wegen Vorhofflimmerns untersucht wurde. O-Ton: Das war ein Albtraum.

Schauen wir auf die Schädel-Hirn-Trauma-Patienten, die oft unfallbedingt stationär aufgenommen werden. Die Störung als solche mag weniger dramatisch oder traumatisierend für den Betroffenen sein - doch wie kam es zum SHT? Welche dramatischen Ereignisse musste er durchleben, die neben den organischen Symptomen zusätzlich belastend wirken?

Last but not least: Die Störungen durch die Droge Nr. 1, Alkohol. Aus meiner Sicht wäre es selbstverständlich, dass gerade in diesem Bereich neben der körperlichen Behandlung die psychotherapeutische Begleitung sofort einsetzt. Doch wie intensiv wird dies tatsächlich umgesetzt…

Ja, Krankenhäuser sind Wirtschaftsunternehmen. Rentabilität und Gewinnmaximierung gehören dazu. Doch am Ende sollte uns allen bewusst sein, dass wir jeder nur eine Gesundheit haben, die eben nicht nur aus dem Körperlichen besteht. Wieviel Lebensqualität beinhaltet organische Gesundheit bei gleichzeitigem seelischen Leiden? Ein Krankenhausmanagement sollte sich evtl. die Frage beantworten, welche Versorgung für das eigene Kind (groß oder klein) wünschenswert wäre.

Dass die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt, ist keine neue Information. Jeder im Gesundheitswesen Tätige sollte sich diesem Thema stellen und den Schritt in die Vernetzung wagen, um dem Patienten ganzheitlich begegnen zu können. Raus aus dem eignen Fachgebiet, um fachübergreifend mit Kollegen das Gesamtwohl des Patienten zu fördern - im Großen wie im Kleinen, stationär wie ambulant.

Julia Cremasco
Heilpraktikerin für Psychotherapie
in Hamburg und Neumünster
www.cremasco.de
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