Ärzte Zeitung online, 01.12.2014

Depressionen

Psychiater wenden sich gegen assistierten Suizid

Auch Menschen in schweren Depressionen wollen ihrem Leben manchmal mit ärztlicher Hilfe ein Ende setzen. Psychiater sehen dies kritisch.

BERLIN. Psychiater warnen vor einem zu liberalen Kurs in der Debatte um ärztliche Beihilfe zum Suizid.

"Suizid ist ja häufig Folge einer psychiatrischen Erkrankung. Aber viele Menschen, die in der Krankheit einen Suizid ausführen wollten und dann davon abgehalten wurden, verwerfen diesen Todeswunsch nach der Gesundung", sagte Professor Wolfgang Maier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) in Berlin.

Im Spannungsfeld zwischen Suizidprävention und würdevollem Sterben debattiert der DGPPN-Kongress, auch die Frage der ärztlich assistierten Selbsttötung. Im Dezember soll eine Stellungnahme der Fachgesellschaft fertig sein.

"Das Selbsterleben von Menschen in einer Depression oder schweren Psychose ist sehr eingegrenzt, hoffnungslos und nihilistisch. Aber der Erkrankte erlebt das als Realität und nicht im Bewusstsein, dass dies die Krankheit mit ihm macht. Deshalb müssen wir Dämme bauen und assistierte Suizidsituationen bei Menschen, die psychisch krank sind, abwenden", betont Maier.

Liberalere Regelungen wie in den Niederlanden und Belgien, aber auch in der Schweiz lehnt er ab. Anders sieht er die Situation bei unheilbaren, in naher Zukunft unabwendbar zum Tode führenden Krankheiten, die mit starken körperlichen Leiden einhergehen.

"Unsere gesellschaftliche Aufgabe ist es, dass wir die Vorstellung, die Menschen von einem Leben jenseits ihrer derzeitigen Lebensrealität haben, nicht vorschnell als würdelos verurteilen", sagte Maier.

Studien zu Demenz etwa hätten gezeigt, dass auch Menschen, die zuvor in Patientenverfügungen bestimmt hätten, dass sie in Abhängigkeit und bei Verlust der kognitiven Leistungen nicht weiterleben wollten, in der Demenz ihr Tun und ihre erlebte Freude nicht mehr als würdelos empfanden. "Das eklatanteste Beispiel dafür ist Walter Jens."

Angesichts einer alternden Gesellschaft - demografischer Wandel ist das Motto des diesjährigen Kongresses - werde das Thema noch an Gewicht gewinnen:

"Herzinfarkte und andere schnell zum Tod führende Erkrankungen gehen zurück. Das Leben am Lebensende wird künftig also mit einer längeren Zeit der Abhängigkeit verbunden sein." (dpa)

[06.12.2014, 12:36:22]
Prof. Dr. Andreas Spengler 
Fallstricke beim Todeswunsch
Schon das Angebot eines ärztlich assistierten Suizides erzeugt im Erleben depressiv Kranker einen suggestiven Sog. Effektive Behandlungsmöglichkeiten werden ausgeblendet. Hemmschwellen werden gesenkt. Die gedankliche Einengung auf den Suizid als Befreiung von unerträglichem Leid wird fixiert. Der Übergang in eine Enschlußphase wird gebahnt, weil es vermeintlich gangbare Lösungen gibt. Die organisatorische Griffnähe durch selbsternannte oder behördlich bestellte "Helfer" erzeugt eine fatale Kollusion, weil gerade diese Personen von der Gangbarkeit der Suizidalternativen ausgehen - sie bieten sie an. Wer reflektiert oder kontrolliert, ob es hier zu unterschwelligen Machtphantasien, zu tödlichen Helfersyndromen kommt? Wer reflektiert unausgesprochene und unreflektierte Versionen des "tödlichen Mitleides" in individueller Version? Auch Ärzte sind dagegen nicht immun, nur weil sie approbiert sind oder auf formal gangbare rechtliche Regelungen zugreifen können.
Prof. Dr. med. Andreas Spengler, Psychiater und Psychotherapeut, Wunstorf
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