Ärzte Zeitung, 18.06.2015

Wochenbett-Depression

Macht Plazenta-Essen wieder happy?

Ein kurioser Trend findet offenbar immer mehr Anhänger: das Verspeisen der Plazenta. Das soll frischgebackene Mütter vor Depressionen schützen. Belegbar ist das nicht. Vielen schmeckt's trotzdem - im Web wimmelt es von Rezepten.

Macht Plazenta-Essen wieder happy?

Kann das Verzehren der Plazenta die frischgebackene Mama vor Depressionen schützen? Belgbar ist das nicht. Dennoch hat der Trend viele Anhänger.

© drubig-photo / fotolia.com

CHICAGO. Das Gericht ist nicht vegetarisch und schon gar nicht vegan. Trendig ist es dennoch: Plazenta, roh, gekocht oder in Kapseln. Die Mahlzeit soll frischgebackene Mütter unter anderem vor Depressionen schützen. Belegbar ist das nicht.

Über den Nutzen der sogenannten Plazentophagie kursieren eine Reihe von Berichten. Der Verzehr des Mutterkuchens soll demnach Mütter vor postpartaler Depression schützen, Schmerzen lindern und die Milchproduktion ankurbeln.

Blutungen nach der Geburt verringern sich angeblich, die Gebärmutter soll sich rascher erholen, die Bindung zum Kind sich verbessern und das Immunsystem einen Schub erhalten, von den Wirkungen auf Haut und Schönheit zu schweigen.

Schmerzlindernde Effekte noch nicht untersucht

Die Psychiaterin Crystal Clark von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago hat der Plazentophagie eine Studie gewidmet (Arch Womens Ment Health 2015, online 4. Juni).

Sie war aufmerksam geworden, nachdem einige schwangere Patientinnen sie gefragt hatten, ob der Plazentaverzehr mit der antidepressiven Medikation wechselwirken würde. Daraufhin fragte sie andere Patientinnen gezielt nach dieser Praxis und war laut eigener Aussage überrascht, wie verbreitet sie ist.

Zusammen mit Cynthia Coyle sowie weiteren Kolleginnen unternahm Clark eine Literaturrecherche und stieß auf zehn brauchbare Artikel. Vier empirische Studien bezogen sich auf den Plazentaverzehr bei Menschen, sechs auf jenen bei Tieren.

Nach Auswertung der vorhandenen Daten wussten die Forscherinnen, dass sie nichts wussten.

Denn schmerzlindernde Effekte des Plazentaverzehrs waren nicht an Menschen untersucht worden. Und die Daten zur erleichterten Uteruskontraktion, zur rascheren Normalisierung des Östrogenzyklus und zur Milchproduktion waren nicht schlüssig.

Plazenta enthält auch Bakterien, Quecksilber und Blei

Clark und Kolleginnen fassten dies so zusammen: "Der gesundheitliche Nutzen und die Risiken der Plazentophagie erfordern weitere Untersuchungen." Auch die Risiken - schließlich enthält die Plazenta nicht nur vermeintlich nützliche Hormone.

In der natürlichen Barriere zum kindlichen Kreislauf sind in früheren Studien schon Viren und Bakterien sowie Cadmium, Quecksilber und Blei gefunden worden.

Wenig überraschend, bietet das Web Plazentophagen einen reich gedeckten Tisch mit Angeboten.

Man kann den Mutterkuchen zu Kapseln oder Globuli verarbeiten lassen, es existieren aber auch klassische Kochrezepte - etwa Plazenta mit Brokkoli ("Vergesst bloß nicht den viertel Löffel Thymian! Der ist ganz wichtig! Sonst ist die Plazenta zu dominant im Geschmack!") oder Plazenta-Lasagne ("der Klassiker"). Bisweilen wird zur Plazentaparty geladen.

Der Trend zur Plazentophagie mag dadurch mitbedingt sein, dass sich in den vergangenen Jahren einige Prominente als Plazentaesser offenbart haben. Darunter war auch Tom Cruise. Zwar steht nicht fest, ob er seiner Ankündigung eine Mahlzeit folgen ließ.

Von einer Wochenbettdepression und postpartalen Blutungen dürfte er in jedem Fall verschont geblieben sein. (rb)

[23.06.2015, 21:31:11]
Dr. Horst Grünwoldt 
Der Mutterkuchen
Die Nachgeburt -der abgestossenene "Mutterkuchen", das Verbindungsorgan zwischen fetalen und materialen Blutkreislauf- als letzer Teil des Gebärmutterinhalts post partem in unterschiedlichster Ausprägung nach der Geburt bei Plazentatieren-, wird bei allen bekannten Säugetieren aufgegessen. Bei Tieren der Savanne wird vermutet, daß damit potentiellen Räubern ein geruchsintensives Locksignal ausgelöscht wird.
Auch die Haussäugetiere, sogar klassische Herbivoren (Pflanzenfresser) wie lammende Schafe, kalbende Rinder und fohlende Pferde vertilgen ihre Nachgeburt und die Eihäute, wenn ihnen dazu Gelegenheit gegeben wird.
Bisher wurde immer schon vermutet, daß dies der raschen Involution der Gebärmutter und dem Milchfluß förderlich sein soll.
Bekannt dürfte unseren Medizinern schon lange sein, daß humane Plazentapräparate auch in hormonverdächtigen "Schönheits"- Präparaten Anwendung gefunden haben.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock  zum Beitrag »
[18.06.2015, 22:57:07]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
eine spezielle Form von Kanibalismus,
wir entwickeln uns kulturell immer weiter,
fragt sich nur in welche Richtung, vorwärts, oder rückwärts. zum Beitrag »

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