Ärzte Zeitung online, 03.11.2015

Gar nicht so selten

Depressiv nach dem Sex

Fast die Hälfte aller jungen Frauen hat das schon mal erlebt: eine scheinbar grundlose Traurigkeit nach dem Sex. Aber was steckt dahinter?

Von Thomas Müller

Depressiv nach dem Sex

Fast die Hälfte der jungen Frauen hat einen postkoitalen Blues schon erlebt. Die Hintergründe sind noch nicht geklärt.

© TommL / iStock

KELVIN GROOVE. Nein, es geht hier nicht um Sex, der so schlecht ist, dass Frauen danach unweigerlich heulen müssen.

Auch wenn das vermutlich der häufigste Grund für eine miese Stimmung nach dem Geschlechtsakt sein dürfte, mit dem postkoitalen Blues oder der postkoitalen Dysphorie ist etwas anderes gemeint: das Gefühl, ohne erkennbaren Grund traurig zu sein, eine erdrückende Melancholie, aber auch plötzliche Angst oder grundlose Aggression und Wut unmittelbar nach dem Geschlechtsakt.

Bindungsangst, Unsicherheit, Kontrollverlust

Erklärt wird dieses Phänomen, das zum Formenkreis der weiblichen Sexualfunktionsstörungen gehört, mit Bindungsängsten, Unsicherheit, Kontrollverlust, einer mangelhaften Abgrenzung des Ichs und dem Verlust des Selbstgefühls während des Aktes, schreiben australische und Schweizer Psychologen um Dr. Robert Schweitzer von der Queensland University in Kelvin Groove (Sexual Medicine 2015; epub 5.10.15).

Wie häufig Frauen vom postkoitalen Blues befallen werden, ist jedoch weitgehend unklar. Erste Studien deuten darauf, dass rund jede dritte Frau schon einmal ein solches Erlebnis hatte, 5-10 Prozent scheinen regelmäßig davon betroffen zu sein.

Die Forscher um Schweitzer wollten die Prävalenz nun anhand einer eigenen Studie ermitteln.

Dazu konnten sie über eine Anzeige an australischen Universitäten knapp 200 heterosexuelle Studentinnen (Durchschnittsalter 26 Jahre) gewinnen, die online einen Fragebogen ausfüllten. Dieser enthielt unter anderem den "Female Sexual Functioning Index (FSFI)" mit 19 Fragen, zusätzlich sollten sie zwei Fragen zur postkoitalen Dysphorie beantworten.

"Hatten Sie jemals in ihrem Leben nach einvernehmlichem Sex ein Problem, weil Sie sich unerklärlicherweise den Tränen nahe oder sehr traurig fühlten?" sowie "Hatten Sie dieses Problem innerhalb der vergangenen vier Wochen?" Die Frauen konnten zudem angeben, wie häufig sie den Blues bekamen.

Häufigkeit unterschätzt

Die Ergebnisse: Knapp die Hälfte der jungen Frauen (46 Prozent) konnte sich daran erinnern, schon einmal von postkoitaler Dysphorie heimgesucht worden zu sein, 5 Prozent hatten den Blues in den vergangenen vier Wochen und 2 Prozent gaben an, sich meist oder immer nach dem Geschlechtsakt unerklärlich traurig zu fühlen.

Insgesamt zeigte sich ein gewisser Zusammenhang mit dem FSFI-Wert: Frauen mit anderen sexuellen Problemen fühlten sich nach dem Akt gehäuft dysphorisch, auch solche mit Missbrauchserlebnissen in der Kindheit - das waren immerhin 20 Prozent - waren vermehrt betroffen. Dagegen gab es keinen Zusammenhang mit Alter oder Dauer der Beziehung.

Der postkoitale Blues sei in seiner Häufigkeit bislang weit unterschätzt worden, interpretieren Schweitzer und Mitarbeiter die Ergebnisse. Auch sei über die Ursachen wenig bekannt - es müsse daher noch viel zu diesem Phänomen geforscht werden.

[03.11.2015, 23:07:26]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
ist doch klar was dahinter steckt, Sex ohne Liebe!
[03.11.2015, 15:41:49]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Post coitum omnibus triste (est)"?
Der allgemein und geschlechts u n spezifisch gehaltene Titel "Postcoital Dysphoria: Prevalence and Psychological Correlates" einer Publikation von Robert D Schweitzer et al. entpuppt sich als eine Veröffentlichung, die sich nur und ausschließlich auf Frauen bezieht. Da betont wurde, es handle sich um 230 Studentinnen, die einen Online-Fragebogen komplettiert haben, ist davon auszugehen, dass es ausschließlich heterosexuell lebende weibliche Individuen waren ["Methods - Two hundred and thirty female university students completed an online survey"].

Methodologisch ist jedoch fraglich, weshalb deren ebenso Koitus-erfahrenen männlichen Partner bei der Online-Befragung völlig außer Acht gelassen wurden. Sollte das etwa vermuten lassen, das Autorenteam gehe davon aus, nur und ausschließlich Frauen könnten häufiger postkoitale seelische Störungen haben? Und Männer blieben dagegen postkoital i. d. R. immer zuverlässig Symptom frei? Oder sollte es keinerlei Korrektiv bzw. keine Objektivierung der Befragungen geben?

Der alte Spruch "post coitum omnibus triste est" bezieht sich aber auf Männer u n d Frauen, egal ob homo- oder heterosexuell lebend, gleichermaßen. Er beschreibt sozialpsychologisch erklärbares Phänomen, dass sich die Sexualität ganz allgemein gewissermaßen durch ihren gelebten Vollzug selbst de-sexualisiert (Prof. Martin Dannecker).

Bringt aber ein "online survey" überhaupt valide, psychopathologisch bewert- und belastbare Daten hervor? Differenziert dieser zwischen postkoitalem Blues, postkoitaler Dysphorie, existenzieller Traurigkeit, erdrückender Melancholie, plötzlicher Angst, grundloser Aggression, Depression, Verzweiflung, Wut, Schlafstörung, Deprivation, Manie oder Borderline-Störung unmittelbar nach dem Geschlechtsakt?

Oder war die Koituserfahrung einfach nur enttäuschend, geprägt durch zu hohen Erwartungsdruck und übersteigerte Beglückungssehnsucht? War es vielleicht der Versuch, eine eigentlich gescheiterte Beziehung zu kitten? Oder einfach nur der falsche Partner bzw. die falsche Partnerin am falschen Ort zur falschen Zeit? Ängste vor sexuell übertragbaren Erkrankungen, vor ungewollter Schwangerschaft?

Ich bin mir sicher, wenn das Autorenteam sich auch nur eine einzige dieser Fragen gestellt hätte, wäre ihre Veröffentlichung nicht derart unkritisch-dilettantisch ausgefallen. Vorsicht auch bei Schlussfolgerung um sexuellen Missbrauch, sexualisierter Gewalt etc.: In "Sexual Medicine" ist nur von "postcoital dysphoria" (PCD), "female sexual dysfunction" (FSD), "Female Sexual Function Index (FSFI)", "Experiences in Close Relationships Scale" und "Differentiation of Self Inventory-Revised" die Rede. Auch das unterstreicht die Naivität des "Online-Survey".

Mf+kG, Dr med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[03.11.2015, 10:03:18]
Dipl.-Psych. Antje Kräuter 
Nicht jeder Missbrauch in der Kindheit ist bewusst
Wenn Kinder sexuell missbraucht werden, unterliegt das oft einer Amnesie. Es können also durchaus mehr als 20 % sein! Leider. Eine Psychotherapie mit traumatherapeutischem Ansatz, z.B. auch mit EMDR, kann helfen, aufzudecken und dann zu heilen. zum Beitrag »

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