Ärzte Zeitung, 21.03.2017

Langfristiger Erfolg

Tiefe Hirnstimulation lindert schwere Depressionen

Für Patienten mit schwerster Depression könnte eine Tiefe Hirnstimulation in einigen Jahren eine Behandlungsoption sein, berichten Forscher aus Freiburg. Sie haben damit bei Betroffenen die Symptome vier Jahre lang wirksam gelindert.

Tiefe Hirnstimulation lindert schwere Depressionen

Stimuliert wird eine Hirnregion zur Wahrnehmung von Freude.

© Uniklinikum Freiburg

FREIBURG. Eine Tiefe Hirnstimulation kann die Symptome von Patienten mit bislang nicht behandelbaren, schwersten Formen von Depression über mehrere Jahre lindern oder sogar beheben. Das haben jetzt Forscher des Universitätsklinikums Freiburg in einer Langzeitstudie zu der Therapieform gezeigt. Sieben der acht behandelten Patienten hatten bei kontinuierlicher Stimulation bis zum Beobachtungszeitpunkt nach vier Jahren anhaltende Verbesserungen der Symptome. Die Therapie blieb über die gesamte Zeit gleich wirksam, berichtet das Universitätsklinikum in einer Mitteilung. Auftretende leichte Nebenwirkungen ließen sich durch eine Anpassung der Stimulation vermeiden (Brain Stimulation 2017; online 1. März).

"Der größte Teil der Patienten spricht auf die Therapie an. Einzigartig ist, dass sie dies auch dauerhaft tun. Andere Therapieformen verlieren oft im Laufe der Zeit ihre Wirksamkeit. Damit ist die Tiefe Hirnstimulation ein vielversprechender Ansatz für Menschen mit bisher nicht behandelbarer Depression", sagt Studienleiter Professor Thomas Schläpfer vom Universitätsklinikum in der Mitteilung. Die Tiefe Hirnstimulation ist ein auf leichten elektrischen Reizen basierendes Verfahren, mit dem präzise gewählte Bereiche des Gehirns beeinflusst werden können, erläutert der Leiter der Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an dem Uniklinikum.

Wirkung ab dem ersten Monat

Die acht Probanden litten zwischen drei und elf Jahre durchgehend an einer schwersten Depression, bei der weder medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlungen noch Stimulationsverfahren wie die Elektrokrampftherapie Besserung brachten. Die Ärzte implantierten hauchdünne Elektroden und stimulierten einen Hirnbereich, der an der Wahrnehmung von Freude beteiligt und damit auch für Motivation und Lebensqualität von Bedeutung ist.

Die Wirkung der Therapie bewerteten die Ärzte monatlich mit Hilfe der etablierten Montgomery-Åsberg Rating Scale (MARDS). Dieser Fragebogen zur Fremdbeurteilung des Schweregrads eines depressiven Syndroms besteht aus zehn Fragen mit denen die Symptome der vergangenen Woche beurteilt werden. Je nach Ausprägung werden die Symptome auf einer 7-stufigen Skala von 0 bis 6 bewertet. Maximal sind also 60 Punkte möglich. Ergebnis: Bereits im ersten Monat fiel der MARDS-Wert im Durchschnitt von 30 Punkten auf 12 Punkte und sank bis zum Ende der Studie sogar noch weiter leicht ab. Den MARDS-Wert von 10 Punkten, ab dem eine Depression diagnostiziert wird, unterschritten vier Personen.

Manche Patienten litten kurzzeitig unter verschwommenem Sehen oder unter Doppelbildern. "Die Nebeneffekte konnten wir durch eine verminderte Stimulationsstärke beheben, ohne dass der antidepressive Effekt der Therapie nachgelassen hätte", sagt Professor Volker A. Coenen, Leiter der Abteilung Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie an der Klinik für Neurochirurgie des Klinikums in der Mitteilung. Bei keinem Patienten waren Persönlichkeitsveränderungen, Denkstörungen oder andere Nebenwirkungen zu beobachten.

Registrierung des Verfahrens

Eine größere Folgestudie soll nun die Registrierung als Therapieverfahren ermöglichen. Sollte sich in der aktuell am Universitätsklinikum Freiburg laufenden fünfjährigen Studie mit 50 Patienten die Wirksamkeit und Sicherheit der Therapie bestätigen, sieht Coenen die Möglichkeit einer europäischen Registrierung des Therapieverfahrens. Das erlaubt den Einsatz der Therapie auch außerhalb von Studien: "Für Patienten mit schwerster Depression könnte eine solche Tiefe Hirnstimulation in einigen Jahren eine wirksame Behandlungsoption sein", sagt Coenen. (eb/eis)

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